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Scientists for Future (S4F): Aufruf und Statement für eine wirksame Klimapolitik

September 20 08:00

The State, Political Norms and Political Conflicts

Dr. Judith Nora Hardt ist seit August 2019 Forscherin am Centre Marc Bloch und am Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik (Hamburg). Seit Februar 2019 engagiert sie sich für die Bewegung Scientists for Future (S4F).

Scientists for Future (S4F): Aufruf und Statement für eine wirksame Klimapolitik

Wissenschaftliche Expertise nimmt einen zentralen Stellenwert innerhalb unserer Gesellschaft ein. Die Aufgabe eines/r Wissenschaftlers/In ist es Erkenntnisse über uns Menschen, unsere Verortung in der Welt und die Welt selbst zu erlangen und diese (wenn möglich) zur Verfügung zu stellen. Insbesondere in der Klimapolitik klaffen jedoch die politischen Entscheidungen eklatant mit den Erkenntnissen und den darauf basierenden Empfehlungen und Warnungen der Klimawissenschaft auseinander. In immer dramatischeren Darstellungen von erfassten Auswirkungen und unmittelbar absehbaren Konsequenzen des politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen „weiter so“ reihen sich unzählige Berichte auf internationaler Ebene und auch zuletzt im deutschsprachigen Raum aneinander. Prominent stechen insbesondere der Bericht des Weltklimarats (IPCC, 2018) und der Leopoldina (2019) hervor. Durch welche Besonderheiten setzen sich nun die Scientist for Future (S4F), die erstmals seit Frühjahr im deutschsprachigen Raum aufgefallen sind von diesen wissenschaftlichen Zusammenschlüssen, Kommunikationsformen und Aktivitäten ab? Ausgelöst durch die Schüler- Proteste der Fridays for Future (FFF) Bewegung, auf die sich S4F beziehen, scheint es, als hätte der von den WissenschaftlerInnen so lang angemahnte Wandel, die Wissenschaft selbst ergriffen und bereits begonnen. 

Stellungnahme und Selbstverständnis von S4F

Im Frühjahr 2019 wurde ich von Gregor Hagedorn in den Prozess des Entwurfs einer Stellungnahme von Scientist for Future (S4F) einbezogen und ich bin seit diesem Zeitpunkt bei S4F aktiv involviert. Diese S4F-Stellungnahme wurde in einem Zeitraum von einigen Wochen breit zirkuliert und von mehr als 26.800 WissenschaftlerInnen im deutschsprachigen Raum unterschrieben. Dadurch positionierte sich S4F  erstmalig geschlossen und auf sehr prominente Weise in direktem Austausch zur Öffentlichkeit und zur Politik. Die Namensbezeichnung Scientist for Future (S4F) ist von den Protesten der Fridays For Future (FFF) abgeleitet. Die WissenschaftlerInnen stellen sich demonstrativ hinter die Schulstreiks und „erklären auf Grundlage gesicherter wissenschaftlicher Erkenntnisse, daß die Anliegen“ (Hagedorn et al., 2019, 2019), daß die Sorgen und Forderungen der Kinder nach einer konsequenten Ausrichtung auf Zukunftssicherung und Nachhaltigkeit gut begründet sind. 

Am 17.9.19 ergreifen die S4F mit dem Versuch einer neuen Wissenschaftskommunikation im Youtube-Video-Format nun aktuell erneut das Wort. Eingebettet in den Kontext der akut anstehenden klimapolitischen Entscheidungen in Deutschland (D) zum Klimaschutzgesetz und den in Österreich (A) und der Schweiz (CH) anstehenden Wahlen, geben 133 WissenschaftlerInnen in Form einer Collage und mit einem Gastbeitrag von Greta Thunberg die Stellungnahme wieder.

Zentrale Forderung des Aufrufs ist, daß die D-A-CH Regierungen umgehend „wirksame Maßnahmen des Klimaschutzes“ ergreifen. Der 9-minütige Film, der in einigen Kinos und als Kurzversion auf sozialen Medien gezeigt wird, stellt neben der Botschaft besonders eindrücklich das Selbstverständnis und die Funktionsweise von S4F dar. Sehr persönlich und durch alle Altersstufen- und Fachdisziplinen sowie über alle akademischen Titel hinweg, sprechen S4F-Stellungnahme-UnterzeichnerInnen mit einer Stimme. Auffällig hierbei ist, daß sie eine für die Wissenschaft ungewöhnlich klare, (ver)einfach(t)e und eingängige Botschaft formulieren: „Ohne tiefgreifenden und konsequenten Wandel ist unsere Zukunft in Gefahr“.

Der Beweggrund des Zusammenschluss zu S4F wird über die im Video-enthaltene S4F-Stellungnahme wie folgt transportiert: „Als Menschen, die mit wissenschaftlichem Arbeiten vertraut sind und denen die derzeitigen Entwicklungen große Sorgen bereiten, sehen wir es als unsere gesellschaftliche Verantwortung an, auf die Folgen unzureichenden Handelns hinzuweisen“ (Hagedorn et al., 2019, 2019). Hier habe WissenschaftlerInnen zusammengefunden, die sich unter dem schwer tragbaren Druck von Wissen und Verantwortungsgefühl zum Handeln entschlossen haben. 

Intern dient S4F als Austausch-Plattform über das neueste politische Tagesgeschehen, Veröffentlichungen, Sorgen und Fragen. Durch diese neue Peer-Group würfelt S4F Personen und Projekte zusammen, die in ihren sonstigen Arbeitsstrukturen und Disziplinen nicht in Kontakt getreten wären und schafft Möglichkeiten und eine Dynamik für neue Begegnungen, Ideen und Synergien.   

Vom Wissen zum Handeln

Ein besonderes Merkmal ist, daß sich S4F außerhalb bereits vorhandener Strukturen bewegt, informiert und handelt. Eine der selbstgesteckten Hauptaufgaben ist es den vorhandenen Erkenntnisstand der Wissenschaft viel breiter und zugänglicher in die Gesellschaft zu kommunizieren und insbesondere an die Kinder zu vermitteln. Dies geschieht u.a. in Form öffentlicher Diskussionsbeiträge, begleitender Beratung von FFF, Interviews oder privat organisierter Treffen und basiert auf ehrenamtlichen Engagement und den Energien und Ideen eines jeden Einzelnen. Neu an S4F ist zudem, daß zusätzlich zu den neuen Formen und Adressaten der Wissenschaftskommunikation eine politische und protest ähnliche Haltung hinzukommt. Der in der Kurzversion des Youtube-Films gesprochene Aufruf zum Handeln „Gemeinsam, mutig, jetzt!“ ist an alle gesellschaftliche Gruppen gerichtet und schließt demonstrativ die Wissenschaft als Schlüsselakteur mit ein. Zudem legen in einem wöchentlichen Rhythmus manche Personen sogenannte „Forschungspausen“ ein und machen währenddessen durch Plakate und Schriftzüge auf Ihre Anliegen und Forderungen aufmerksam. Ein weiteres Ziel von S4F ist den durch die Wissenschaft selbst verursachten umweltschädlichen Fußabdruck zu minimieren. So hat S4F kürzlich einen Prozess der freiwilligen Selbstverpflichtung von WissenschaftlerInnen zur Reduktion von Flugreisen und insbesondere von Kurzstreckenflügen ins Leben gerufen. Darüber hinaus debattiert S4F über das Selbstverständnis und die verschiedenen Formen des gesellschaftlichen und politischen Wirkens, sowie weiterer Handlungsmöglichkeiten. 

S4F Zukunft und Herausforderungen   

Scientist for Future hat noch sehr viele Aufgaben vor sich. Eines der wichtigsten selbstgesteckte Ziele für S4F ist es dafür zu sorgen, daß die wissenschaftlichen Erkenntnisse über unsere Gesellschaft und über die Welt in der wir leben, einen viel bedeutenderen Stellenwert einnehmen. Hierfür sind strukturelle Veränderungen aber auch insbesondere Veränderungen von Denkmustern und Funktionsabläufen in der Wissenschaft selbst, in der Politik und in der Gesellschaft wichtig. Diesen Prozess der Bewusstseinswerdung anzustoßen hin zu der Einbindung von Verantwortung, Kindern und Zukunft kritisch zu begleiten: dies sind wichtige und im politischen Tagesgeschehen bisher noch unerfüllte Aufgaben, die S4F angehen möchte.

Neben den verschiedenen Aufgaben und Fragestellungen nach dem weiteren Vorgehen und Wirken nach Außen hin, wird sich S4F demnächst noch intensiver mit den inneren Findungsprozessen auseinander setzen. Eine Herausforderung ist, daß die Dringlichkeit des unmittelbar anstehenden Handlungsbedarfs scheinbar den Anforderungen einer Wissenschaftskarriere mit nur sehr beschränkt verfügbaren zeitlichen Kapazitäten entgegensteht. Ein wichtiger nächster Schritt für die sehr starke deutschsprachige S4F Community liegt in der Überwindung der Sprachbarrieren und der Nationalstaat-Strukturen. Zwar wurde die Stellungnahme u.a. auf Englisch und Spanisch übersetzt aber die Verbindung zu und Zusammenarbeit z.B. mit Frankreich stehen noch aus.

Momentan ist das gemeinsame Arbeiten hauptsächlich auf die Wissenschaftskommunikation bereits bestehender klimawissenschaftlicher Erkenntnisse zentriert. So wird ein zusätzlich wichtiger Schritt für S4F darin bestehen den Austauschprozess über die verschiedenen Disziplinen hinweg und der stärkeren Einbindung geisteswissenschaftlicher Erkenntnisse zu der Thematik durch z.B. der Philosophie und den Politikwissenschaften anzugehen. Eine weitere Frage betrifft die zukünftigen Formen der Zusammenarbeit und des direkten Einwirkens auf FFF und anderen Gruppen. Hier liegt es an S4F sicherzustellen, daß die unterschiedlichen Betroffenheiten, Anliegen und Wirkungsmöglichkeiten der Akteure nicht mit denen von S4F verschwimmen und authentisch bleiben.

Zusammenfassung

Wahrscheinlich werden einige WissenschaftlerInnen Scientists for Future selbst als Forschungsobjekt und als Phänomen der gesellschaftlichen Krise und Transformation behandeln. Im Vergleich zu bisherigen Wissenschaftsakteuren, unterscheidet sich S4F insbesondere dadurch, daß die Abgrenzung zwischen wissenschaftlicher Expertise und politischen Handeln bewusst und konsequent in Frage gestellt wird und WissenschaftlerInnen selbst aktiv werden. Die zentrale Forderung von S4F ist, daß basierend auf den wissenschaftlichen Erkenntnissen umgehend eine wirkungsvolle und konsequente Klimapolitik beschlossen und umgesetzt wird. So steht neben FFF auch S4F dafür, daß sich aus der Erkenntnis über die Notwendigkeit eines tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandels bereits wichtige vielversprechende, hoffnung- und energiespendende Bewegungen entwickelt haben. 

Ob sich dieser Wandel auch auf die politische Landschaft auswirkt, wird sich in den nächsten Tagen, Wochen und Monaten zeigen.

Quellen

Hagedorn, G, Loew, T., Seneviratne, S.I., Lucht, W., Beck, M.-L., Hesse, J., Knutti, R., Quaschning, V, Schleimer, J.-H., Mattauch, L., Breyer, C., Hübener, H., Kirchengast, G., Chodura, A., Clausen, J., Creutzig, F., Darbi, M., Daub, C.-H., Ekardt, F., Göpel, M., Hardt, J.N., Hertin, J., Hickler, T., Köhncke, A., Köster, S., Krohmer, J., Kromp-Kolb, H., Leinfelder, R., Mederake, L., Neuhaus, M., Rahmstorf, S., Schmidt, C., Schneider, C., Schneider, G., Seppelt, R., Spindler, U., Springmann, M.,Staab, K., Stocker, T., Steininger, K., Von Hirschhausen, E., Winter, S., Wittau, M. & Zens, J. (2019) “The concerns of the young protesters are justified. A statement by Scientists for Future concerning the protests for more climate protection”, GAIA-Ecological Perspectives for Science and Society, Vol. 28/2: 79-87.

IPCC (2018) “Global warming of 1.5°C. Special report”, www.ipcc.ch/report/sr15 (accessed April 12, 2019).

Leopoldina (2019) „Klimaziele 2030:  Wege zu einer nachhaltigen Reduktion der CO2-Emissionen“, www.leopoldina.org/publikationen/detailansicht/publication/klimaziele-2030-wege-zu-einer-nachhaltigen-reduktion-der-co2



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© Centre Marc Bloch 2018 - Deutsch-Französisches Forschungszentrum für Sozialwissenschaften, Berlin

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