Individuum, Gesellschaft und Kultur in der Zeit des Nationalsozialismus

Wissenschaftliche Leitung: Klaus-Peter Sick

Die Forschungsgruppe fokussiert ihre Arbeit auf die Analyse des Nationalsozialismus unter kulturellen Aspekten. Die Zeit der nationalsozialistischen Diktatur soll dabei in den breiteren Kontext der deutschen und europäischen Geschichte des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts eingebettet werden.

Die Ende 2010 eingerichtete Forschungsgruppe macht es sich zum Ziel, das Individuum im Kontext mit Gesellschaft und Kultur in der Zeit des Nationalsozialismus zu verstehen. Ihre transdisziplinäre Perspektive schließt sowohl historische als auch soziologische und kulturwissenschaftliche Ansätze ein.

Die Gruppe hat sich vorgenommen, die Beziehungen zwischen Individuum, Gesellschaft und Kultur zunächst am Fall des deutschen Nationalsozialismus zu analysieren, ohne dabei andere Diktaturen, diejenige Vichys oder der Sowjetunion beispielsweise, aus dem Blick zu verlieren. Sie repräsentiert damit im Rahmen des Centre Marc Bloch einen der traditionellen Schwerpunkte der französischen Forschung über Deutschland. Auch im laufenden Jahr vereint sie einen vergleichsweise hohen Anteil der am Centre tätigen (jungen) WissenschaftlerInnen. Die meisten hierunter (und insbesondere die HistorikerInnen) folgen der Verlagerung der Forschungsparadigmen hin zu kulturellen Aspekten und beschäftigen sich in ihren jeweiligen Projekten beispielsweise mit Gewalt, mit Unterdrückung oder Exklusion.

Die Gruppe veranstaltet ein Forschungsseminar unter dem Titel „Individuelle Lebenswege und kollektive Erfahrungen in der Zeit des Nationalsozialismus“. Dieses Forschungsseminar tagt mindestens einmal im Monat, bei entsprechender Nachfrage von DoktorandInnen und ForscherInnen aber auch häufiger bis hin zu einem Zweiwochenrhythmus. Hier werden gemeinsam Schlüsseltexte der jüngeren „biografischen“ Forschung gelesen, um ihren Beitrag zur Erforschung des Nationalsozialismus genauer bestimmen zu können (so seit 2011 z.B. Arbeiten von François Dosse oder von Michael Wildt). Im Rahmen des Seminars kommen weiterhin bekanntere, aber auch jüngere ForscherInnen zu Wort, die in ihren Arbeiten einen „biografischen“ Ansatz vertreten (wie seit 2011 z.B. Freddy Raphael, Michel Cullin oder Fabien Théofilakis). Das Seminar ist dabei so konzipiert, dass jedem Mitglied der Forschungsgruppe die Möglichkeit gegeben wird, entweder seine eigene Forschungsarbeit vorzustellen oder aber sich mit einem dem eigenen Ansatz möglichst nahen Werk näher auseinanderzusetzen. Die Forschungsgruppe strebt hier einen möglichst passgenauen Dialog zwischen französischen und deutschen WissenschaftlerInnen an, die z.B. als KoreferentInnen oder DiskutandInnen zu ihren Themen eigens eingeladen werden.

Bei den einen ist dies die Arbeit mit Autobiografien, bei den anderen die Arbeit über „klassische“ politische Biografien, bei den dritten diejenige über intellektuelle Lebenswege, prosopografische Aspekte oder Netzwerke bzw. Milieus. Im Jahr 2011/12 bildete sich innerhalb der Gruppe ein Schwerpunkt in der Forschung über die nationalsozialistische Besatzung verschiedener Staaten während des Zweiten Weltkrieges heraus, und dies insbesondere als Forschung zur Geschichte des Widerstandes. Dies mochte eine sich abzeichnende (Rück-)Verlagerung des wissenschaftlichen Interesses wiederspiegeln: Es scheint so, als ob sich die Forschung, nachdem sie sich besonders für die „Kollaboration“ interessiert hat, unter neuen Blickwinkeln wieder zur Erforschung der Gegnerschaft zum nationalsozialistischen Besatzer zurückfindet. Im Jahr 2012/13 hingegen standen wieder eher die nationalsozialistischen Akteure (insbesondere die SS), aber auch Schlüsselbegriffe, wie derjenige der "politischen Generation" im Fokus der Forschungsgruppe. Diese Dynamik innerhalb des thematischen Rahmens der Gruppe ist der Fluktuation unter den ForscherInnen am CMB geschuldet und damit auch Ausdruck einer ihrer Schlüsselaufgaben: der Förderung und Ausbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses im deutsch-französischen Kontext. Hierzu gehört auch, dass im engeren oder weiteren Kontext der Gruppe Workshops oder Doktorandenseminare entstehen, so im Juni 2011 unter dem Titel „‚Vom Gegner lernen’: Transferts d’expériences d’occupation en Europe (1914-1968)“ oder im März 2013 unter dem Titel „Politique et Alterité“.