ERC DREAM - Drafting and Enacting the Revolutions in the Arab Mediterranean

Staat, Recht und politischer Konflikt

DREAM

Drafting and Enacting the Revolutions in the Arab Mediterranean –

In Search for Dignity from the 1950s until Today

Wenn über die Revolution im arabischen Mittelmeerraum gesprochen wird, gibt es immer noch zwei große zeitliche Perioden, die den historischen Horizont zu trüben versuchen: Als Erstes wären da die Bewegungen von 2010 bis 2011 zu nennen, deren Status als Revolution/-en in den verschiedenen Diskussionen um Jahreszeiten von Frühling und Winter verschlungen wurden; als Zweites wären da die Revolutionen zu nennen, die mit der Entkolonialisierung und den nationalen Emanzipationskämpfen der 1930er bis 1960er Jahre zusammenhingen. Die meisten dieser Revolutionen beschränkten sich auf nationale Bezugsrahmen und wurden zu Instrumenten autoritärer Regime, wie wir heute anhand den Nachzügen der Algerischen Revolution, dem Staatsstreich der Baath-Partei in Syrien, der Libyschen Revolution der "Volksdemokratischen Republik", oder der Nasserianische Revolution in Ägypten sehen können.

Zwischen diesen beiden Perioden (1930er-60er und 2010-2011), so wird uns suggeriert, sei nichts passiert. Dieses Projekt jedoch versucht einen Weg zu ebnen, der es uns ermöglichen soll zu verstehen, was wir meinen, wenn wir von "Revolutionen" sprechen. In diesem Projekt setzen wir weniger auf den „Überraschungsmoment“ einer Revolution oder den Diskurs von „Plötzlichkeit“. Stattdessen heißen wir es willkommen, dass politischer Ausdruck weit mehr umfasst als das, was üblicherweise angenommen wird. Wir wollen einen Diskurs über unser Verständnis von Revolution in Gang bringen, der das Körperliche, sowie Emotionen, Schweigen und Auslassungen mitbetrachtet. Unsere neue Herangehensweise veranlasst  uns somit Revolution als einen anhaltenden Prozess in Zeit und Raum zu betrachten und nicht nur als ein Ereignis in der Geschichte.

Es werden öffentliche und private Archive der revolutionären Zeiten von DREAM genutzt. Indem DREAM die Forschung zu den "Ungovernables"/ den „Unregierbaren“ nutzt und somit Formen des gewöhnlichen infra-politischen Widerstands (Scott, 1990) beleuchten kann, wird DREAM zweierlei zeigen können: 1) Dass Mikro-Widerstände nicht von Momenten revolutionärer Explosion getrennt werden können, und 2) dass eine "revolutionäre Überraschung" durch ein Phantasma konstruiert wird, dass "unbewegliche" Perioden zwischen "revolutionären Ereignissen" fantasiert. DREAM wird allerdings mit seiner Forschung zeigen, dass diese Perioden ebenso reich an revolutionärem Potenzial und Verlangen nach sozialem Wandel sind, wie die Perioden während und nach den sogenannten "revolutionären Momenten".

Das Projekt

Durch die Geschichtsschreibung, die in diesem Projekt geschehen wird, wollen wir "die enorme Herablassung der Nachwelt" aufgeben (Thompson, 1963/1991: 12), die sich durch die Metaphern zum sogenannten Arabischen Herbst und Globalisierungstheorien zeigen, die dazu tendieren, Revolutionen als "Spielzeug der Geschichte" darzustellen. Revolution, verstanden als die Aneignung von Politik durch Menschen, die so zu einer Gruppe werden, liegt nicht nur in Protesten und Barrikaden, sondern auch in deren "Zwischenzeit" ("L'entre-temps", vgl. Boucheron, 2013). Die Periode, in der die Veränderungen einer Revolution reifen und ihre Früchte tragen, ist ebenso entscheidend wie alles andere. Das DREAM Projekt stellt somit folgende Hypothese auf: Wenn Geschichte von der reinen Erzählung des Kampfes befreit werden kann - wenn sie beschließt, sich auf Gedächtnislücken und blinde Flecken genauso zu konzentrieren, wie auf die Überfülle des Diskurses - dann kann sie zu einem Verständnis der nicht so weit entfernten Vergangenheit gelangen, auch wenn die revolutionärenEreignisse selbst damit drohen, laut und mächtig wie sie nun mal sind, alles andere zu übertönen.

Für uns reicht es nicht aus, die Geschichte der Revolten und die repressiven oder unterdrückenden Reaktionen, die sie hervorrufen, zu untersuchen, da Revolten und Antworten miteinander verflochten sind. Es wird auch nicht ausreichen zu beobachten, dass diese Aufstände lediglich Ausdruck von Unzufriedenheit mit autoritären Regimen sind und eine Reihe von Perioden oder „années de plomb“ bilden, gefolgt von mehr oder weniger stabilen Frühlingen. Stattdessen ist es an der Zeit, die Geschichte geduldig zu rekonstruieren, zurückzugehen und zu untersuchen, wie sich diese Ereignisse gegenseitig widerspiegeln, zum Teil widersprüchliche Erinnerungen hervorzurufen, wie interne Wege und ihre Besonderheiten zu verstehen sind, und was es für Sprachen sind, die genutzt wurden.

Innerhalb von DREAM bemühen wir uns, Geschichte zu schreiben um vor allem zu lokalisieren, zu datieren und zu identifizieren, was wir unter Revolution und der Zeit davor verstehen können. Der nächste Schritt besteht darin, Typologien zu etablieren, akzeptierte und bestehende Terminologien zu verfeinern oder zu kritisieren. Sobald Archive identifiziert und gesammelt wurden müssen wir sie bearbeiten, die Stimmen und Geräusche darin hervorheben, die bisher von anderen, die lauter sprachen, übertönt wurden. Zwischen dem Schweigen und den überwältigenden Worten von Führern und Siegern, gibt es Projektionen und Hoffnungen, Flüstern und Stimmen von unvollendeten Aufständen (die immer noch im Entstehen begriffen sind). Diese Stimmen dienen uns als roter Faden, der uns helfen kann, die Geschichte der alltäglichen Aspekte von Aufständen, Hoffnungsschüben und Enttäuschungen, sowie deren Ablagerungen, zu erschaffen.

DREAM schreibt die Geschichte der Revolutionen in den Mittelmeerregionen, indem wir diese als historische Objekte verstehen und nicht als Idealtypen, die von isolierten und/oder ikonischen Akteuren verkörpert werden. Stattdessen betrachtet DREAM Revolutionen als multidimensionale Phänomene. Das Projekt wird somit in einem ständigen Dialog mit den jüngsten Entwicklungen in der Geschichtsschreibung von Revolutionen stehen, die Emotionen und Aufruhr und das Wesen von Menschen in Bewegung untersuchen (Timothy Tackett, 1996). Obwohl wir versuchen, die Geschichte des mediterranen arabischen Raumes als einen Raum unter vielen anderen zu beschreiben, wollen wir uns trotzdem auf die besondere Produktion revolutionärer Werkzeuge des Mittelmeerraums konzentrieren und gleichzeitig Fragen und Hypothesen mit historischen Erfahrungen anderer Räume und Zeiten teilen.

Verantwortliche Personen :
Leyla Dakhli

An-Institut

© Centre Marc Bloch 2018 - Deutsch-Französisches Forschungszentrum für Sozialwissenschaften, Berlin

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