Transnationale emanzipatorische Praktiken angesichts des „Esperanto-Paradigmas“. Erfahrungen im langen zwanzigsten Jahrhundert

Mobilität, Migration und räumliche Neuordnung

Ziel der drei Workshops ist es, einen Austausch und eine Kooperation zu Formen der Globalisierung zu schaffen, zu Mechanismen der zivilgesellschaftlichen Mobilisierung und Soziabilität von Gruppen und Bewegungen, die nicht die unmittelbare politische Veränderung und Transformation zum Ziel hatten. Ziel ist es, einen Dialog zwischen jüngeren und etablierten Forscherinnen und Forschern zu ermöglichen und zu strukturieren, die in ihren   Forschungsprojekten eine globale Dimension im langen 20. Jahrhundert sehen. Es ist unser Ziel Forschung zusammenzuführen, aber auch neue und innovative Forschungsfragen und -kooperationen zu ermöglichen. Letztere beziehen sich vor allem auf transnationale Mobilität und Mobilisierung von nicht-territorialen und nicht-institutionalisierten Gruppen und Bewegungen. Es geht um neue Perspektiven in Bezug auf die Dynamik und Transformation in der komplexen Beziehung zwischen Kolonialismus und Formen des Imperialismus einerseits und Globalisierung andererseits. Hierbei geht es vor allem um die genannten alternativen Praktiken und Reformbewegungen sowie um alternative Vorschläge und Praktiken einer Weltordnung. 


Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts nahmen internationale Kontakte und Beziehungen rasant zu. Während nationale Forderungen durch die Verbreitung von Nationalstaaten verstärkt wurden, kam es auf globaler Ebene zu neuen Formen und Praktiken inter- und transnationaler Koordination. Hierzu gehörten eine Anzahl zwischenstaatlicher, aber auch nicht-staatlicher Organisationen, die diesen Austausch regelten. Unter den Eliten dominierten Sprachen, vor allem Französisch, Deutsch und Englisch, was die Entwicklung einer inter- und transnationalen Geselligkeit begünstigte, aber teils auch hemmte. Vor allem in gelehrten und philanthropischen Gesellschaften kam dies zum Ausdruck. Zu nennen sind auch die Erste Internationale (1864) oder die Internationale Handelskammer (1919), die diese Art der assoziativen Globalität widerspiegeln, in denen nationale Akteure zusammenfanden. Strukturen, die darauf abzielten, die Welt zu modernisieren und zu standardisieren, gingen am Ende immer auf die Nation zurück als Einheit, unabhängig davon, ob es sich um Staaten handelte oder eher um politische oder wirtschaftliche Organisationen.

Gleichzeitig aber lässt sich um 1900 die Entstehung zahlreicher Bewegungen beobachten, die aus bürgerlichen oder militanten Milieus entstanden, die einen anderen Weg einschlugen, um die Beziehungen zwischen Völkern unterschiedlicher Sprachen und Nationalitäten zu ordnen und zu koordinieren. Sie gingen nicht von der „Einheit der Nation“ aus. Sie hatten nicht eine politisch nationale Transformation als unmittelbares Ziel, sondern den direkten Austausch von Bürgern, welche dieselbe Vision von der Welt teilten. Diese Bewegungen basierten nicht auf der Nation als Grund- oder Basisstruktur, sondern sie entwickelten neue Praktiken und Arenen eines kollektiven, transnationalen Handelns. Nicht selten entstanden diese Bewegungen von den „Rändern“ der Gesellschaft her. Diese Art von Bewegungen sind bislang weitgehend von der historischen und sozialwissenschaftlichen Forschung übersehen worden.

Hier setzt das Konzept „Paradigma Esperanto“ an. Es nimmt Bezug auf jene Bewegung, die es sich zum Ziel setzte, eine einheitliche, der Idee nach „neutrale“ Sprache einzusetzen und zu verbreiten - „Esperanto“. Gleichzeitig umfasst das weitere „Paradigma Esperanto“ jedoch mehr als nur die Hilfssprache Esperanto. Eine Reihe von anderen Bewegungen entstand etwa synchron zu Esperanto. Hierzu gehören Freidenker, die „Lebensreform“, die Frauenbewegung, aber auch Wissensgemeinschaften, die außerhalt etablierter akademischer Institutionen und Rahmen fungierten. „Paradigma Esperanto“ meint somit für den analytischen Rahmen dieses Programms eine weit gefassteres, jedoch weitgehende synchrone und zum Teil lose miteinander verbundener neuer, innovativer, und autonomer Assoziationen außerhalb, jenseits, und unterhalb der nationalen Ebene. Als gewissermaßen radikale Ausformung einer „neutralen“, übernationalen und nicht-institutionellen Sprache war Esperanto lediglich ein Aspekt dieser neuen Assoziationen und Bewegungen und gleichzeitig etwas übergeordnetes, trafen sich doch viele Freidenker und Frauenaktivistinnen auch als Esperantisten und Esperantistinnen – jedoch auch bei weitem nicht alle. Jedoch bleiben das Phänomen Esperanto oder „Paradigma Esperanto“ in seiner Eigenart wie in seinen Überschneidungen mit anderen Geselligkeitsformen, Aktionsgemeinschaften zu erforschen. Oft sind diese Gruppierungen und Aktionsformen für sich untersucht worden, als Einzelteile, als Gruppen, jedoch noch nie als eine Gesamtformation.

Die hier genannten (und andere) Gruppierungen und Aktivisten unterscheiden sich von der Sozialistischen Internationalen oder auch von zwischenstaatlichen Akteuren und Gruppen. Nicht zuletzt, weil sich Esperantisten, Freidenker oder die Naturbewegung nicht bzw. nicht ausschließlich national organisierten und hierarchisierten. Seit den 1880er Jahren, nicht zuletzt in den Debatten der Philosophical Society in Philadelphia und andernorts, verdichtete sich die Debatte um die Notwendigkeit einer universellen Kommunikationssprache. Obwohl das Phänomen einer neutralen Hilfssprache keineswegs neu war.

Die ersten Texte und Grammatiken in Esperanto wurden 1887 in Warschau verfasst. Schnell fasste diesmal die Idee einer einfachen, pragmatischen, universell einsetzbaren Sprache Fuß um 1900. Die rasche weltweite Verbreitung des Esperanto (jedoch mit großen Lücken) basierte auf einer systematischen, jedoch dezentralen und nicht-territorialen Organisation, auf jährlichen internationalen Kongressen ab 1905, die persönliche Kontakte ermöglichten. Hinzu kamen lokale Clubs und Assoziationen, sowie ein weit gespanntes Korrespondenz- und Kommunikationsnetzwerk u.a. bestehend aus Journalen und Zeitschriften. Es handelte sich um einer Art praktizierter Transnationalismus von beinahe globaler Dimension. Nach 1900 entwickelte sich rasch eine Art Netzwerk (mal stark und fest verknüpft, mal lose), das sich über Kongresse, Korrespondenz und das Engagement Einzelner ergab. Der Grundtenor war eine egalitäre Praxis des Austausches, der Zirkulation von Information und Wissen über Sprachen und Kulturen hinweg. Als Vergemeinschaftungsform hatte die Bewegung nicht die Abschaffung von Staaten und Nationen im Sinn, aber zumindest die Überwindung ihrer Grenzen, sei es national, territorial, sprachlich und kulturell.

Aber das „Paradigma Esperanto“ steht eben auch nur für als Paradigma dieser Zeit, des langen 20. Jahrhunderts (mit allen Brüchen und Kontinuitäten). Andere zeitgenössische Reformbewegungen basierten auf ähnlichen Ideen, Praktiken und zielten auf eine globale Verbreitung und Vernetzung ab, sei es von Ideen, Glauben, Lebensformen – unabhängig und jenseits anderen institutioneller und politischer Beschränkungen. Wir begegnen solchen Bewegungen in Bereichen von Pädagogik (zur Autonomie des Kindes), zur Kooperativenbewegung (zur Reform ökonomischer Bereiche und Lebensmodelle), der Naturbewegung oder dem Tierschutz, in synkretistischen Religionen (irenischer Tendenz), in der Frauen- und Jugendbewegung. Diese Aktionsformen und Vergemeinschaftungen in ihrer Gesamtheit und in ihrem jeweiligen Zusammenhang und Kontext zu erschließen und zu erforschen in sozialer und kultureller Hinsicht, ist Ziel unseres Programms. Es bezieht sich auf die Ebene einzelner Akteure, von Gruppen, Gemeinschaften und Netzwerken. Es bezieht sich auf deren Interaktion und Mobilisierung auf lokaler Ebene sowie auf transnationale Kooperationen und Verbindungen. All diese Verbindungen und Alltagspraktiken brachten eine Vielzahl von neuen literarischen und intellektuellen Formen hervor, welche dieses Projekt näher beleuchten wird. Gemeinsam war all den hier genannten Bewegungen (und möglicherweise anderen) die pragmatisch orientierten Kommunikationsformen (hiervon war Esperanto lediglich ein Mittel zum Zweck), sowie ein idealistisches Ziel. Die sicherlich in vielerlei Hinsicht einzigartige Idee und Praxis der Esperantisten (zugleich global in Reichweite und transnational in ihrer Organisation) erlaubt jedoch all die anderen, sich beinahe synchron formierenden Gruppierungen und deren Organisation (als Form von Zivilgesellschaft) jenseits von Grenzen neu zu beleuchten und zu untersuchen. Gerade der weite Blick auf verschiedene Felder, die oben skizziert worden sind, erlaubt es uns im Rahmen dieses Projektes, die Erfahrungen und Praktiken dezentraler, in einigen Fällen globaler, nicht-hierarchischer Organisation zu untersuchen.

Es geht uns also bei dem „Paradigma Esperanto“ um die Erfassung eines seit dem späten 19. Jahrhunderts entstehenden Phänomens, das die Esperantobewegung umfasst, die aber stellvertretend und paradigmatisch für etwas sehr viel weiter gespannteres steht: für neue Ideale, Strukturen, Kommunikationsformen einer transnationalen und zum Teil globalen Zivilgesellschaft. Dabei war Esperanto mit dem idealistischen Ziel einer gemeinsam geteilten, nicht hierarchischen Hilfssprache eventuell nur die radikalste Ausformung, zugleich aber auch die loseste, da nicht an sich zielgerichtete Bewegung (anders als die Frauenbewegung, religiöse Bewegungen und anderen Reformbewegungen).