Podiumsdiskussion

Laizität, Rassismus und Sexualität. Rezeptionen des Romans "Unterwerfung" von Michel Houellebecq in Frankreich und Deutschland.

20. Juni 2017 18:00 Uhr - 20:00 Uhr

„Frankreich ist nicht Michel Houellebecq […] es ist nicht Intoleranz, Hass, Angst“ sagte Premierminister Valls am Tag nach dem Attentat auf Charlie Hebdo und dem Koscher-Supermarkt. Für die einen ist er ein Literatur-Genie, für die anderen ein islamfeindlicher und sexistischer Provokateur – Houellebecq bleibt auf jeden Fall eine der umstrittensten französischen öffentlichen Figuren unserer Zeit. Was sagt uns die nationale und internationale Popularität Houellebecqs über die hegemoniale Politik? Was sagt uns der angeblich völlige Mangel an „Anwesenheitsgefühl“ Houellebecqs – „affektive“ und effektive Ökonomie, die es brummen lässt – über die Herstellung eines exklusiven säkularen „Wirs“?

 

In der spätkapitalistischen Krise des Begehrens schlägt der libidinöse Leistungszwang in Lustlosigkeit um. Der Glaube an die Verheißungen der sexuellen Liberalisierung erscheint zerrüttet. Dieses Narrativ entfaltet sich im Werk Michel Houellebecqs. Seine Erzählung spinnt das drastische Endzeitszenario als politische Fiktion weiter, in der nach erbittertem Wahlkampf eine muslimische Partei die Regierung antritt. Der Roman ist unlösbar mit dem Schock des Attentats verbunden. Um die Schwellenbewegungen zwischen linken und rechten Politiken im aktuellen Rechtsruck nachzuvollziehen, wirdUnterwerfung im angespannten Verhältnis mit den Kundgebungen unter dem Slogan Je suis Charlie und den erzkatholisch geprägten Demonstrationen Manif Pour Tous gegen die gleichgeschlechtliche Ehe betrachtet. Im Zusammenspiel dieser Massenereignisse und Mediendiskurse zeigt sich, wie Sexualität und Rassismus miteinander verschaltet werden, um nationale Identität herzustellen.

 

Nur Yasemin Ural schloss ihr Bachelorstudium in Soziologie an der Bogaziçi Universität (Türkei) ab. Sie absolvierte ein Masterstudium an der Ecole des Hautes Etudes en Sciences Sociales – EHESS (Frankreich),

wo sie 2016 promovierte. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Religionssoziologie, postkoloniale Theorie, Islam in Europa und Affect Studies. Aktuell arbeitet sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin für das SFB Projekt Affective Societies: Dynamiken des Zusammenlebens in bewegten Welten an der Freien Universität Berlin.

Jule Govrin lebt und arbeitet als Philosophin in Berlin. Sie forscht über affektive Dimensionen des Politischen und die Verflechtungen von Begehren und Ökonomie am Schnittpunkt von politischer Philosophie, poststrukturalistischen Sprach- und Machttheorien, Sozialphilosophie, Körpertheorien, Affektstudien, Psychoanalyse und Queer Theory. Nachdem sie Philosophie, Komparatistik und Französische Philologie an der FU Berlin und Paris VIII studierte, schreibt sie gegenwärtig ihre Dissertation Aufbegehren und Begierden. Zum leidenschaftlichen Verhältnis von Begehren und Ökonomie.



Organisator:

Centre Marc Bloch, Gruppe "Begegnungen zu verknüpften Machtverhältnissen"


Kontakt:

Cornelia Möser


Ort:
Georg-Simmel Saal
Friedrichstraße 191

10117
Berlin
Deutschland