Vortrag

Feministische Kämpfe im Recht: Sexuelle Gewalt in Frankreich

29. November 2017 18:00 Uhr - 20:00 Uhr

Océane Perona (Centre de recherche sociologique sur le droit et les institutions pénales (CNRS), Paris)

Kommentar: Beate Binder (Humboldt-Universität zu Berlin)

In den 1970er Jahren mobilisierten feministische Bewegungen in Frankreich gegen Vergewaltigung und problematisierten deren schwache Pönalisierung durch die Justiz. Die Mobilisierungen führten 1980 zur Verabschiedung eines Gesetzes, das Vergewaltigung als sexuelle Penetration definiert; begangen durch "Gewalt, Zwang, Bedrohung oder Überraschung". Es handelt sich damit um eine Definition, die sich nicht auf die Frage des Einverständnisses des Opfers bezieht, weswegen sie von feministischen JuristInnen kritisiert wird. Die französische Definition von Vergewaltigung sei zu eng gefasst: Gerade selbst angezeigte Vergewaltigungen blieben in der Tendenz straffrei. Basierend auf einer ethnographischen Studie innerhalb der Polizei, der Gerichtsmedizin und einschlägigen Einrichtungen der staatlichen Verwaltung diskutiert der Vortrag das Verhältnis zwischen sexuellem Einverständnis und der Pönalisierung von Vergewaltigungen.

 

Océane Pérona ist promovierte Politikwissenschaftlerin und lehrt Soziologie an der Paris Dauphine Université. Sie ist Forscherin am CESDIP (CNRS-Université de Versailles).


Der Vortrag findet im Rahmen der Ringvorlesung "Zivilgesellschaft und Rechtsentwicklung" statt.

Rechtssoziologische Vorlesungsreihe im WS 2017/18 „Die sozialen Bedingungen des Rechts II“ an der Juristischen Fakultät der HU. Eine Kooperation von Centre Marc Bloch und HU Berlin.

Konzept der Veranstaltungsreihe:

Dass die Rechtsgestaltung vor allem den RechtsexpertInnen obliegt, ist innerhalb der sozialwissenschaftlichen Rechtsforschung eine verbreitete Ansicht. Demnach finde der das moderne Recht reproduzierende und prozessierende Rechtsvollzug ausschließlich in dessen Institutionen statt. Dem stehen jedoch Perspektiven aus der interaktionistischen, ethnomethodologischen oder praxistheoretischen Forschungstradition entgegen – etwa aus dem Umfeld des Amherst Seminars bzw. der „legal consciousness studies“ – die der sozialwissenschaftlichen Rechtsforschung eine gewisse Zentriertheit auf Rechtsinstitutionen vorwerfen und von einer Emanation des Rechts auch ,von unten’ oder von ,außen’ ausgehen. Gemeint ist konkreter der Vollzug, die Aneignung und die Gestaltung von Rechtsbeständen abseits des ExpertInnentums oder der rechtlichen Institutionen im Alltag. Hiervon ausgehend lässt sich argumentieren, das Recht von nicht-rechtlichen Akteuren nicht einfach nur implizit vollzogen, sondern teilweise auch gezielt gestaltet wird, so in zivilgesellschaftlicher Organisation und Artikulation. Wie derartige nicht-rechtliche AkteurInnen konkrete Rechtsbestände im Besonderen, aber auch Recht im Allgemeinen zu prägen vermögen, stellt sich damit nicht nur als empirische, sondern auch als sozialtheoretische Frage. Auf gesellschaftstheoretischer Ebene wiederum wird die Frage nach der Rolle und Funktion des Rechts in Gesellschaft relevant – nicht zuletzt im Kontext der gegenwärtigen Krise der politischen Sphäre. Eben diese Beziehung und Bedeutung zivilgesellschaftlicher Initiativen im Recht ist Gegenstand der Ringvorlesung im WS 2017/18. 


Kontakt:

Andrea Kretschmann


Ort:
Humboldt-Universität, Juristische Fakultät
Bebelplatz 2
Seminarraum 144