Vortrag

Verwaltungs(un)recht: Asyl und Aktivismus in der Schweiz (1970-2000)

13. Dezember 2017 18:00 Uhr - 20:00 Uhr

Jonatan Pärli (Albert-Ludwigs-Universität Freiburg) 

Kommentar: Larissa Vetters (Humboldt-Universität zu Berlin)

Das Asylrecht sei nicht bloße Tradition, sondern eine wichtige »staatspolitische Maxime«, hielt die Schweizer Landesregierung 1957 prominent fest. Der hohe rhetorische Stellenwert des Asylrechts kontrastierte lange mit dessen spärlichen juristischen Grundlagen im nationalen Recht. Hat die Kodifikation der Materie während der 1970er-Jahre – wie behauptet bzw. befürchtet – zu einer ›Verrechtlichung‹ geführt? Und welche Rollen spielten hierbei der ungefähr gleichzeitig einsetzende flüchtingspolitische Protest sowie die sogenannt »neuen Flüchtlinge« aus der »Dritten Welt«? Wie verhielten sich, andererseits, Anspruch und Praxis des Asylaktivismus zur wahrgenommenen Gefahr der Vereinnahmung durch juristische Einzelfallarbeit? Im Vortrag wird das Verhältnis von Asylrecht und –Bewegung vor dem Hintergrund der These Samuel Moyns von der »Metamorphose des Idealismus« im Zuge des Aufstiegs der Menschenrechte zur »letzten Utopie« aufgeworfen und diskutiert.


Jonathan Pärli hat in Zürich und Berlin Geschichtswissenschaft und Öffentliches Recht studiert. Er promoviert an der Universität Freiburg (Schweiz) zur transnationalen Geschichte der Asylbewegung in der Schweiz und ist Mitglied des Doktoratsprogramms »Migration and Postcoloniality Meet Switzerland«.


Dieser Vortrag findet im Rahmen der Vorlesungsreihe Zivilgesellschaft und Rechtsentwicklung statt.

Rechtssoziologische Vorlesungsreihe im WS 2017/18 „Die sozialen Bedingungen des Rechts II“ an der Juristischen Fakultät der HU. Eine Kooperation von Centre Marc Bloch und HU Berlin.

Dass die Rechtsgestaltung vor allem den RechtsexpertInnen obliegt, ist innerhalb der sozialwissenschaftlichen Rechtsforschung eine verbreitete Ansicht. Demnach finde der das moderne Recht reproduzierende und prozessierende Rechtsvollzug ausschließlich in dessen Institutionen statt. Dem stehen jedoch Perspektiven aus der interaktionistischen, ethnomethodologischen oder praxistheoretischen Forschungstradition entgegen – etwa aus dem Umfeld des Amherst Seminars bzw. der „legal consciousness studies“ – die der sozialwissenschaftlichen Rechtsforschung eine gewisse Zentriertheit auf Rechtsinstitutionen vorwerfen und von einer Emanation des Rechts auch ,von unten’ oder von ,außen’ ausgehen. Gemeint ist konkreter der Vollzug, die Aneignung und die Gestaltung von Rechtsbeständen abseits des ExpertInnentums oder der rechtlichen Institutionen im Alltag. Hiervon ausgehend lässt sich argumentieren, das Recht von nicht-rechtlichen Akteuren nicht einfach nur implizit vollzogen, sondern teilweise auch gezielt gestaltet wird, so in zivilgesellschaftlicher Organisation und Artikulation. Wie derartige nicht-rechtliche AkteurInnen konkrete Rechtsbestände im Besonderen, aber auch Recht im Allgemeinen zu prägen vermögen, stellt sich damit nicht nur als empirische, sondern auch als sozialtheoretische Frage. Auf gesellschaftstheoretischer Ebene wiederum wird die Frage nach der Rolle und Funktion des Rechts in Gesellschaft relevant – nicht zuletzt im Kontext der gegenwärtigen Krise der politischen Sphäre. Eben diese Beziehung und Bedeutung zivilgesellschaftlicher Initiativen im Recht ist Gegenstand der Ringvorlesung im WS 2017/18.

 


Kontakt:

Andrea Kretschmann


Ort:
Humboldt-Universität, Juristische Fakultät
Bebelplatz 2
Seminarraum 144