Irina Mützelburg | Assoziierte Doktorandin

Mobilität, Migration und räumliche Neuordnung
Centre Marc Bloch, Friedrichstraße 191, D-10117 Berlin
E-Mail: irina.muetzelburg  ( at )  sciencespo.fr Tel: +49(0) 30 / 20 93 70700 or 70707

Mutterinstitut : Sciences Po Paris | Fachbereich : Politikwissenschaft |

Biographie

Irina Mützelburg ist Doktorandin in Politikwissenschaften an Sciences Po Paris (CERI) und am Centre Marc Bloch. Ihre Forschungsinteressen umfassen die Soziologie der internationalen Beziehungen, Normen- und Politiktransfer und –zirkulation und die gegenseitigen Abhängigkeiten von nicht-staatlichen und internationalen Akteuren. Sie interessiert sich des Weiteren für die Soziologie der postkommunistischen Staaten (Umsetzung von public policy, Anpassung an Instabilität, Rückgriff auf Informalität und Improvisation) und für das Lehren und Lernen von Fremdsprachen in Osteuropa. Schließlich befasst sie sich mit Migrations- und Asylpolitik der Ukraine und der Europäischen Union, sowie mit der Externalisierung von Migrationskontrolle in den EU-Nachbarländern. Aktuell arbeitet sie als akademische Mitarbeiterin an der Universität Viadrina zu der Mobilisierung von Recht und Zwangsverhältnissen in der Arbeit. Dort lehrt sich auch am Master for European Studies.

Forschungsthema

Mehrebenenversuche des internationalen Normentransfers: Asylpolitik und –praktiken in der Ukraine (1991-2015)

Titel der Dissertation

Mehrebenenversuche des internationalen Normentransfers: Asylpolitik und –praktiken in der Ukraine (1991-2015)

Zusammenfassung der Dissertation

Seit den frühen 1990er Jahren hat der ukrainische Gesetzgeber Asylgesetze erlassen und diese graduell an internationale Standards angepasst – trotz der Abwesenheit der Konstruktion eines public policy Problems und des schwachen sowjetischen Erbes im Bereich Asyl. Dieses Forschungsprojekt untersucht die Wechselwirkungen zwischen nationalen und internationalen Faktoren im Laufe der Zeit und ermöglichtet es so, die verbreitete These zu nuancieren, nach der die Politik- und Normentransferversuche in die östlichen Nachbarländer der EU nur zu Fassadenwandel, d.h. nur zu legaler aber nicht zu praktischer Veränderung führen. Indem insbesondere die Interaktionen zwischen internationalen und nationalen, zwischen staatlichen und nicht-staatlichen Akteuren in einem wechselhaften politischen Kontext erforscht werden, beleuchtet diese Dissertation die Prozesse, die den heterogenen und instabilen Veränderungen der staatlichen Praktiken zugrunde liegen. An der Schnittstelle zwischen internationalen Beziehungen und politischer Soziologie zeigt die Analyse die Verflechtungen zwischen den Transferaktivitäten internationaler Organisationen, die Einflüsse der EU-Konditionalität auf die Mehrebenen-Transferversuche nationaler NGOs und die Anpassungen der übertragenen Normen durch die ukrainischen staatlichen Akteure. Diese Promotionsforschung basiert auf mehr als 150 Leitfadeninterviews mit VertreterInnen internationaler und Nichtregierungsorganisationen sowie ukrainischer Verwaltung in der Ukraine und in Brüssel.

Institution der Dissertation

Institut d'études politiques de Paris

Betreuer

Kathy Rousselet & Anne de Tinguy

Fremdsprachen lehren und lernen in der Ukraine

Fremdsprachenunterricht an staatlichen Schulen stellt einerseits eine public policy dar, beeinflusst von nationalen politischen Strategien und geopolitischen Positionierungen. So haben größere sozio-politische Umschwünge in verschiedenen Staaten unterschiedliche Umwälzungen der Fremdsprachenpolitik hervorgerufen, im Rahmen derer die „Sprache des Feindes“ entweder aus ideologischen Gründen deutlich weniger oder aus strategischen Gründen deutlich mehr unterrichtet wurde (Pavlenko 2003).  Die Ukraine ist ein oft zitiertes Beispiel für einen zwischen zwei großen geopolitischen Akteuren hin- und hergerissenen Staat. Wandel im Erlernen von Fremdsprachen, insbesondere des Englischen, spiegelt Veränderungen durch die Globalisierung, die Macht der EU und Nordamerikas, die Transformationen und geopolitischen Neupositionierungen der postkommunistischen Staaten wider (Kasztalska 2014; Hasanova 2007; Cohen 2005). Dieses Forschungsprojekt untersucht, inwieweit die anhand von der Ablösung von Staatspräsidenten und Regierungen identifizierten Phasen geopolitischer Neuorientierung des ukrainischen Staates Phasen einer Umgestaltung der Fremdsprachenpolitik entsprechen.

Das Projekt betrachtet die Frage der Verwendung des Russischen und Ukrainischen indirekt, indem es sich explizit auf die Sprachen konzentriert, die die ukrainische Gesetzgebung als „Fremdsprachen“ bezeichnet, also weder Ukrainisch noch Russisch. Die bisherige Forschung hat die Versuche einer Konstruktion einer nationalen Identität durch das Beharren auf der Verwendung der ukrainischen Sprache im Schulunterricht (Friedman 2010), sowie die Konkurrenz und Koexistenz des Ukrainischen und Russischen im Unterricht und in den Pausen trotz einer nach außen zur Schau getragenen Ukrainophonie (Polese 2010) aufgezeigt. Die Rolle von anderen Sprachen in diesem Zweier-Verhältnis bleibt noch unerforscht, obwohl Arbeiten zu anderen Ländern, beispielsweise zu Moldawien, zeigen, dass diese einen wichtigen Platz einnehmen können, zum Beispiel als Mittel des Widerstandes gegen die als dominant wahrgenommene Landessprache (Ciscel 2008).

In den letzten Jahren hat der ukrainische Staat das Erlernen von Fremdsprachen (insbesondere des Englischen, aber auch des Deutschen, Französischen, Spanischen und Chinesischen) als wichtiges Ziel der Bildungspolitik verkündet. Dies spiegelt die außenpolitische Orientierung der ukrainischen Politik in Richtung EU wider. Dennoch findet diese Priorisierung der weitgehend westlichen Fremdsprachen in dem Kontext eines ressourcenarmen Staates statt. Außerdem obliegt die Umsetzung dieses politischen Ziels den Regionen und insbesondere den Schulen selbst. Eine Hypothese dieses Forschungsanliegens lautet also, dass die praktische Umsetzung einer Stärkung des Fremdsprachenunterrichts regional, aber auch je nach Größe des Ortes stark variiert. Während in Metropolen Ressourcen, insbesondere qualifizierte Fremdsprachenlehrer, eher verfügbar sind, sind die Möglichkeiten von Schulen in kleineren Orten Fremdsprachenunterricht überhaupt oder auf dem vorgeschriebenen Niveau zu unterrichten, begrenzter. Ein Anliegen dieses Forschungsvorhabens ist folglich, die regionalen Unterschiede nachzuvollziehen und deren Ursprünge zu ergründen. SchulleiterInnen setzen die staatliche Politik um und passen sie an, indem sie als VermittlerInnen zwischen ministeriellen Anordnungen und den lokalen Bedingungen agieren (Lipsky 1980, Dubois 1999). Dieser Ansatz ermöglicht es auch, die umstrittenen Kategorisierungen von Regionen in ost- oder westukrainisch zu überprüfen. Durch die vergleichende Analyse der regionalen und lokalen Umsetzung der Sprachpolitik kann ich die Wichtigkeit der jüngsten Dezentralisierungsreformen  untersuchen und erkunden, wie wichtig der regionale Faktor im Vergleich zu der Größe des Ortes ist.

Sprachpolitik wird als interaktiver Prozess zwischen politischen Entscheidern, lokalen Umsetzern und BürgerInnen betrachtet. SchülerInnen und Elternentscheiden, wie viel Zeit, Mühe und Geld sie in das Erlernen von Fremdsprachen investieren. Das Forschungsvorhaben zielt darauf ab, private Strategien des Spracherwerbs in einem Kontext ressourcenschwacher Schulen zu beleuchten. Die Bemühungen diese Sprache zu erlernen verweisen, so meine These, auf Anpassungsstrategien und Erwartungshorizonte der ukrainischen Bevölkerung. Diese befindet sich in einem Zwischenraum (Ther 2003, Rey 2013), gekennzeichnet durch unbeständige Grenzen und Konfliktzonen, schwache Institutionen, begrenzte staatliche Handlungsfähigkeit und Ungewissheit über den Fortgang der Ordnungen (Kravchenko 2016, Troebst 2017, Schmidtke, Yekelchyk 2016). Seit der Auflösung der UdSSR befinden sich die BewohnerInnen in einem anhaltenden Zustand der Instabilität. In diesem Projekt interessiere ich mich für die alltäglichen Entscheidungen und Zukunftsstrategien einfacher Menschen. Die Wahl des Forschungsobjektes basiert auf der Hypothese, dass die Bemühungen des Erwerbs der englischen Sprache Einblicke insbesondere in Karriere-, Migrations- und Reiseziele und –vorstellungen erlauben. Nach Möglichkeit wird auch die Entwicklung dieser Strategien und Vorstellungen über die Zeit erforscht, um zu erkennen, inwiefern sie durch größere politische Prozesse, ökonomische und politische Instabilität beeinflusst sind. Dieses Forschungsprojekt erkundet auch, inwiefern UkrainerInnen auf eine Strategie setzen (z.B. sich auf das Englische zu konzentrieren, was den Glauben an die EU als dauerhaft attraktiven Arbeitsmarkt widerspiegeln könnte) oder ob sie eine Mehrfachpositionierung wählen (z.B. Bemühungen das Englische und das Russische zu perfektionieren). Diese Entscheidungen verweisen auf geographische Imaginative.

Publikationen

‘« Empowerment » par des financements communautaires ? L’émergence d’un secteur non-étatique en Ukraine façonné par les donateurs’. Gouvernance (forthcoming 2019).

 

 ‘The Transfer of International Asylum Norms to Ukrainian Law – the Role of International Organisations’ Strategies’. In Policy Transfer and Norm Circulation: Towards an Interdisciplinary and Comparative Approach, ed. Laure Delcour and Elsa Tulmets. Routledge (forthcoming 2019).

 

‘Monitoring an Asylum System in the EU Neighbourhood: The Reliance of the European Union on the Knowledge Production of UNHCR’. In Visions Croisées Autour Des Frontières Européennes : Mobilité, Sécurité et Frontières, ed. Beyza Tekin and Didem Danış. Istanbul: Editions de l’Université Galatasaray (2017).

 

‘Pratiques de la frontière : Contrôle et mobilité en interaction de 1870 à nos jours. Introduction’. With Christina Reimann and Gesine Wallem. Trajectoires. Special Issue 3 (2017).


An-Institut

© Centre Marc Bloch 2018 - Deutsch-Französisches Forschungszentrum für Sozialwissenschaften, Berlin

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