Dr. Jérémy Geeraert | Forscher Fellow

Mobilität, Migration und räumliche Neuordnung
Centre Marc Bloch, Friedrichstraße 191, D-10117 Berlin
E-Mail: geeraert.j  ( at )  gmail.com Tel: 0049 176 37944288
Website: http://http://

Mutterinstitut : Paris 13 - IRIS Institut de Recherche Interdisciplinaire sur les enjeux Sociaux (Paris 13, EHESS, INSERM, CNRES) UMR 8156 | Position : Assoziierter Forscher am Centre Marc Bloch und Nachwuchswissenschaftler am IRIS (Institut de recherche interdisciplinaire sur les enjeux sociaux, Paris 13, EHESS, CNRS, INSERM, Paris) | Fachbereich : Soziologie |

Biographie

Als Soziologe und Kulturanthropologe hat Dr. Jérémy Geeraert in den letzten Jahren zum Thema der "sozialen Frage im Gesundheitswesen" geforscht. Dabei befasste er sich mit dem Zugang zu medizinischer Versorgung für benachteiligte Bevölkerungsgruppen und den Umgang öffentlicher Krankenhäuser mit Armut als Herausforderung für die Gesundheitsfürsorge in Frankreich. Nach einem Studium der Soziologie und Sozialwissenschaften an der Universität Paris René Descartes und in der EHESS/Paris 13 hat er dazu seine Dissertation im Oktober 2017 an der Universität Paris 13 erfolgreich verteidigt. Jérémy Geeraert arbeitete hier auch als Lehrbeauftragter (2011-2014) und unterrichtete am Institut für Europäische Ethnologie der Humboldt-Universität (SoSe 2017). Weiterhin war er von 2014 bis 2017 assoziierter Doktorand am Centre Marc Bloch. 

Seit Oktober 2018 forscht er hier als Postdoc  zum Thema "Zugang zu medizinischer Versorgung für prekäre Migrant*innen" in einer vergleichenden Perspektive zwischen Frankreich und Deutschland.

Lebenslauf als Datei
Stipendium

Februar 2016 - Juni 2016

Stipendium vom Centre Marc Bloch

Januar 2015 - Dezember 2015

Projektaufruf des Centre Virchow-Villermé für Public Health Paris-Berlin (20 000€)

Oktober 2011 - Oktober 2014

Doktorandenstelle an der Universität Paris 13

Forschungsthema

Gesundheitssoziologie ; Zugang zur medizinischen Versorgung ; Organisationssoziologie ; Migrationssoziologie ; Anthropologie der Verwaltungspraxen ; Diskriminierungen und Segregation im Gesundheitswesen ; Gesundheit und soziale Ungleichheit ; soziale Frage ; 

Titel der Dissertation

Die "soziale Frage" im Gesundheitswesen. Zugang zur medizinischen Versorgung für benachteiligten Bevölkerungen und die Behandlung der Armut in öffentlichen Krankenhäuser in Frankreich

Zusammenfassung der Dissertation

This thesis explores how the “social question” (question sociale) is managed as an issue of health at public hospitals through the lens of power relations and health care structures. To this end, the sociological study examines the “healthcare access unit” (Permanence d’accès aux soins de santé, PASS) of public hospitals in France, which are reserved for persons who are excluded from the healthcare system – most notably irregular migrants.

The employed methods combine a socio-historical analysis with ethnographic fieldwork — including participant observation and semi-structured interviews (n=40) — conducted over the course of three years in sixteen PASS units based at eight different hospitals, and in the broader structures within which they exist (i.e. associations and institutional guardianships).

In the first section, a genealogy of the “social question” in health in France demonstrates how space for the healthcare of poverty has emerged at the end of the 20th century, which specifically targets social groups among the most destitute. This space of a particular type of care was increasingly institutionalized in the public hospital system during the 1990’s, embedding itself in both the field of public health and in the fight against social exclusion. This space fulfills several (bio)political objectives: fighting social exclusion, ensuring a right to health, and protecting the health of the population as a whole. Second, an analysis of PASS units in the organisation of public hospitals exposes how they are weakened through two dominant and competing models (technical specialization and new public management). Faced with this situation, varied strategies (ex. of adaptation and empowerment) are employed by different actors inside and outside of the hospital. Lastly, a third section lays out the categories of patients that are produced during interactions with professionals from PASS units. It exposes the role of these categories in the stratification of the health care system along its lowest margins. Patients are divided into more or less legitimate groups - based on criteria of citizenship and of solvency – each of which are afforded differentiated values of life. These dynamics are characterized by a permanent tension between inclusion and exclusion in the field, and by a differentiated distribution of health care. In such a context, an individualized and flexible government allows for the pursuit of these multiple (bio)political objectives.

Keywords: healthcare access; hospital organization; Social Question; poverty; biopolitic; irregular migrants

Institution der Dissertation

University Paris 13

Betreuer

Marie Jaisson, Professeure des université, U Paris 13, directrice adjointe de la MSH Nord

Projekte

Januar 2015 - Dezember 2015

Forschungsprojekt zum Thema “Le social à l’hôpital au XXIe siècle. L’accès aux soins des populations démunies et sans couverture sociale en France et en Allemagne”, vom Virchow-Villermé Zentrum (Charité - Universitätsmedizin Berlin) finanziert. Vorgesehen: verfassen von Artikeln für Zeitungen und Zeitschriften anlässlich der Veröffentlichung, Abschluss der Doktorarbeit und Organisation einer französischen-deutschen Konferenz über den Zugang zur medizinischen Versorgung.

2014-2015

Partner im internationalen Forschungsprojekt zum Thema “La ségrégation et ses figures actuelles. Retentissements et défis dans les pratiques professionnelles” getragen von Dr Élise Pestre und vom Prof. Fethi Benslama (CRPMS, Universität Paris 7) und von der Prof. Perla Zelmanovitch   (FLACSO, Argentinien).

7.-17.12.2014 : Forschungsaufenthalt am Institut Psicoanalisis y practicas socio-educativas von der FLACSO, Buenos Aires, Argentinien. Treffen und Austausch mit dem Partnerteam und Vortrag in einer Konferenz.

Organisation von Veranstaltungen

Januar 2016

Projektträger und Mitglied der Organisationskomitee der Tagung “Zugang zur medizin. Versorgung für prekäre Bevölkerungsgruppen in Frankreich und Deutschland”, von Virchow-Villermé Zentrum, Centre Marc Bloch und IRIS finanziert. 22. Januar 2016, Centre Marc Bloch, Berlin.

Juni 2014

Projektträger und Mitglied der Organisationskomitee der Tagung “Santé-Précarité” von Campus Condorcet-Paris, IRIS, URMIS und Ecole doctorale Erasme finanziert, 6. Juni 2014, EHESS, Paris.

Aktivitäten

2017

Reviewer für einen Artikel im online Zeitschrift Anthropologie et Santé.

Seit September 2014

Mitglied der Arbeitsgruppe „Staatliches Handeln und Wissenszirkulation“ des Centre Marc Bloch Berlin

Februar 2014- Dezember 2014

Mitglied der Arbeitsgruppe „Migration, Territorium, Gesellschaften“ des Centre Marc Bloch Berlin.

September 2012 - Juni 2016

Co-Koordinator der NachwuchswissenschaftlerInnen Arbeitsgruppe “Santé et précarité” (Paris).

ZUGÄNGE, AUSSCHLÜSSE, GESUNDHEIT. Wie Prekarität und Migration im Gesundheitssystem die soziale Frage neu aufwerfen. Eine Untersuchung in Frankreich und Deutschland.

Mein postdoktorales Forschungsprojekt fragt in einer vergleichenden Perspektive nach den gesellschaftlichen Funktionen der unterschiedlichen Strategien, wie der sozialen Frage im französischen wie im deutschen Gesundheitssystem begegnet wird. Wie ist das Paradox zu erklären, dass es in beiden Ländern ein anerkanntes Menschenrecht auf Gesundheit gibt, gleichzeitig prekarisierte Migrantengruppen von Gesundheitsrechten formal und informell ausgeschlossen werden? Ist eine Analyse der auftretenden Spannungen zwischen diesen inklusiven und exklusiven Ideen hier aufschlussreich? Meine Arbeit bringt an dieser Stelle die These einer Stratifizierung des Randes des Gesundheitssystems ins Spiel – eine Stratifizierung, die die am stärksten prekären Menschen in verschiedene Gruppen mit qualitativ wie quantitativ unterschiedlichem Zugang zur Gesundheits(grund)versorgung verteilt. Der Vergleich zwischen den beiden Länder hat dabei zwei Ziele im Blick. Das erste ist die Suche nach gemeinsamen und strukturellen Mechanismen, die die unterschiedlichen Funktionen dieser Stratifizierung erklären. Das zweite ist ein besseres Verständnis lokaler Unterschiede. Dieses Projekt baut auf einer Dissertationsarbeit (2011-2017) über den Zugang zur medizinischen Versorgung in französischen öffentlichen Krankenhäusern von Personen am Rand des Gesundheitssystems auf. Das aktuelle Projekt will diese Arbeit um eine vergleichende Perspektive ergänzen.

Seit den 80ern zeichnen sich unsere westlichen Gesellschaften durch die strukturelle Verankerung der Krise des Sozialstaates (Bezes, 2009), die soziale Stigmatisierung sowie die legale Verringerung (bis hin zum Ausschluss) von Sozialleistungen und Aufenthaltsmöglichkeiten bestimmter migrantischer Gruppen in prekären Lebenslagen aus (Geeraert, 2017a). Daraus folgend hat die Prekarisierung dieser Gruppen im sozialen Raum immer weiter zugenommen. Diese Entwicklung stellt die soziale Frage neu in den Raum: Welche Lösungen finden heutige Gesellschaften für die Gefahr der Destabilisierung der sozialen Ordnung durch zunehmende Ausschlussrisiken für Gruppen an ihrem sozialen Rand (Castel, 1995)? Wie zeigen sich die Prozesse in den verschiedenen Bereichen und Institutionen unserer modernen Gesellschaften? Für eine detaillierte Analyse scheint sich das Feld der Gesundheitsversorgung anzubieten, weil hier Beschränkungen/Schwierigkeiten des Zuganges, in diesem Falle zu medizinischer (Grund)Versorgung für die am meisten benachteiligten Gruppen deutlich zu Tage treten. Auftreten können Probleme hier in den verschiedensten Formen: im Verzicht auf medizinische Leistungen (Desprès, 2013) oder in der Nichtinanspruchnahme auf gesundheitliche Rechte (Kerleau, 2012), in sozialen Ungleichheiten im Gesundheitswesen (Aïach, 2010), in der qualitativen Stratifizierung der medizinische Versorgung (Boltanski, 1971 et Fischer, 1984) sowie in Diskriminierungen gegen bestimmte ethnische und soziale Minderheiten (Fassin et al., 2006 et Gabarro, 2012) etc. 
Um einer Verstärkung der Ausgrenzung im Gesundheitswesen (und deren dramatischer Folgen für die oder den Einzelnen) zu verhindern, haben sich in dieser Zeitraum nichtstaatliche Initiativen entwickelt. In Frankreich etablierten sich aus zivilgesellschaftlichem, oft politischem Engagement heraus seit den 80ern humanitäre Einrichtungen und kostenlose Kliniken. Diese Strukturen wurden in den 90ern institutionalisiert: 1998 konnten die ersten, sogenannten PASS (Permanence d’Accès aux Soins de Santé), »Stationen für den Zugang zur medizinischen Versorgung« – per Gesetz vorgeschrieben  – eingerichtet werden. Diese speziellen, staatlich finanzierten Stationen, die es in vielen öffentlichen und einigen privaten Krankenhäusern gibt, sind auf die psychosoziale und medizinische Betreuung von Patient_Innen ohne Krankenversicherung spezialisiert und behandeln hauptsächlich illegalisierte Migrant_Innen (Geeraert, 2017a und 2015). In Deutschland dagegen hat eine derartige Institutionalisierung einer humanitären Grund-Gesundheitsversorgung nie stattgefunden. Die Versorgung krankenversicherungslose Menschen ist hierzulande fast ausschließlich privaten Initiativen der Zivilgesellschaft (Castañeda, 2013) überlassen. Die wenigen existierenden Angebote staatlicherseits bleiben in den konkreten Situationen oft theoretisch, da Meldepflicht illegalisierter Migrant_Innen an den Ausländerbehörden haben (Mylius et. al., 2011).
Mein postdoktorales Forschungsprojekt fragt in einer vergleichenden Perspektive nach den gesellschaftlichen Funktionen der unterschiedlichen Strategien, wie der sozialen Frage im französischen wie im deutschen Gesundheitssystem begegnet wird. Wie ist das Paradox zu erklären, dass es in beiden Ländern ein anerkanntes Menschenrecht auf Gesundheit gibt (Pestalozza, 2007; Chimienti und Solomos, 2016) und gleichzeitig prekarisierte Migrantengruppen von Gesundheitsrechten formal und informell ausgeschlossen werden? Ist eine Analyse der auftretenden Spannungen zwischen diesen inklusiven und exklusiven Ideen hier aufschlussreich? Meine Arbeit bringt an dieser Stelle die These einer Stratifizierung des Randes des Gesundheitssystems ins Spiel – eine  Stratifizierung, die die am stärksten prekären Menschen in verschiedene Gruppen mit qualitativ wie quantitativ unterschiedlichem Zugang zur Gesundheits(grund)versorgung verteilt. Der Vergleich zwischen den beiden Länder hat dabei zwei Ziele im Blick: Zunächst soll nach gemeinsamen, strukturellen Mechanismen gesucht werden, die die unterschiedliche Funktionen dieser Stratifizierung erklären (Ziel 1). Meine Annahme ist, dass die Gesundheitsversorgung krankenversicherungsloser Menschen drei widersprüchlichen, gesellschaftlichen Hauptaufgaben entspricht: 1) dem Schutz der Gesamtbevölkerung vor Infektionskrankheiten und gesundheitlichen Gefahren (gesundheitspolizeiliche Funktion); 2) dem Schutz des biologischen Lebens nach dem Prinzip der Biolegitimität (der "heilige Wert" des Menschenleben in westlichen Gesellschaften, Fassin et. al., 2001); 3) der Reproduktion einer ungleichen sozialen Ordnung (in der die Stratifizierung des Gesundheitssystems dazu tendiert, die differenzierte Positionen der Einzelnen hierarchisch zu befestigen). Weiterhin geht es um ein besseres Verständnis lokaler Unterschiede (Ziel 2). Warum hat in Frankreich eine Institutionalisierung und Verstaatlichung der gesundheitlichen Versorgung für krankenversicherungslose Menschen stattgefunden, während dieser Bereich in Deutschland hauptsächlich von der Zivilgesellschaft getragen wird? Was bedeutet dieser Unterschied konkret für den Zugang zur medizinischen Versorgung Menschen ohne Krankenversicherung? Diese Fragen führen zu einer Analyse der Konsequenzen dieser Unterschiede: Wie konnte einen sozialer Raum "der Medizin der Prekarität" entstehen und was sind seine Eigenschaften? Wie (und warum) unterscheiden sich diese Räume in den heutigen französischen und deutschen Gesellschaften?
Über Theorie und Empirie hinaus liegt im deutsch-französisches Vergleich auch das Potential, Erkenntnisse darüber zu gewinnen, wie sich Ungleichheiten und Ausgrenzungsmechanismen im Gesundheitssystem strukturell vermeiden lassen.
Forschungsstand
Dieses Projekt baut auf einer Dissertationsarbeit (2011-2017) über den Zugang zur medizinischen Versorgung in französischen öffentlichen Krankenhäusern von Personen am Rand des Gesundheitssystems auf. Hier habe ich mit einem Fokus auf Machtverhältnissen und die Organisation des Gesundheitssystem erforscht, wie die soziale Frage im Gesundheitswesen in Frankreich am Beispiel der »Stationen für den Zugang zur medizinischen Versorgung« (PASS) behandelt wird (siehe oben). Meine Methode kombiniert einen soziohistorischen Ansatz und eine empirische Forschung, die über drei Jahre in 16 verschiedenen PASS-Einrichtungen stattgefunden hat. Gesundheitsbehörden und humanitäre Einrichtungen, die eine direkte Verbindung zu PASS haben, wurden ebenso betrachtet (siehe unten den Methoden Teil). 
Die Arbeit teilt sich in drei Abschnitte. Der erste Teil erzählt in einem foucaultschen Ansatz die Genealogie der sozialen Frage im Gesundheitsfeld. Es zeigt sich, wie sich einen Raum der "Medizin der Armut" schrittweise am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts konstituiert hat, – ein Raum, der sich ausschließlich der Behandlung sozialer Gruppen der am meisten unterprivilegierten Menschen widmet. Dieser wurde im Laufe der 90er Jahren innerhalb des Gesundheitswesen institutionalisiert und hat sich in den Feldern von Public Health sowie der Sozialpolitik allgemein verankert. Mein zweiter Teil erforscht die PASS innerhalb der Krankenhausorganisation und kommt zum Schluss, dass sie sich durch die zwei vorherrschenden Organisationsmodelle (der technischen Spezialisierung und der Neoliberalisierung) dauerhaft in einer ausgesprochen schwachen Position befinden. Letztlich analysiert mein dritter Teil Patientenkategorien, die während der Interaktionen mit den PASS-Angestellten hergestellt werden. Diese Kategorien bringen ans Licht, welche Rolle PASS in der Stratifikation des Gesundheitssystems spielt. Die Patient_Innen werden von PASS-Angestellten je nach Aufenthaltsstatus und Zahlungsfähigkeiten in mehr oder weniger legitime Gruppen verteilt, die wiederum mehr oder weniger Ansprüche auf medizinische Behandlung und Medikamente haben. Eine Folge daraus ist die täglich neue Produktion einer Kategorisierung unterschiedliche Werte des Lebens durch eine Spannung zwischen Inklusion und Exklusion und eine differenzierte Verteilung der Pflege. Eine individualisierte und flexibilisierte Art des Regierens (in Foucaultschem Sinne) ermöglicht in diesem Kontext die Realisierung vielfältiger biopolitische Ziele. 
Diese Ergebnisse der Analyse der Situation in Frankreich sind die Grundlage für die Fortsetzung dieser Forschung in einer vergleichenden Perspektive im deutschen Raum. Es gibt hier mehrere Vorteile einer vergleichenden Studie. Die französische Erhebung hat gezeigt, dass die Konstruktion eines sozialen Raums der "Medizin der Prekarität" in einem nationalen Kontext stattgefunden hat und auf die Betreuung illegalisierter Migrant_Innen fokussiert hat. Mein Vorhaben hinterfragt die Natur dieses Raums in Deutschland und wie er entstanden ist. Unterschiedliche gesundheitspolitische Traditionen führen historisch zu unterschiedlichen gesellschaftlichen und gesundheitspolitischen Fragen. Das Bismarcksche System in Deutschland, das hauptsächlich auf einem Krankenversicherungssystem beruht und das gemischte französische System, welches Krankenversicherungssystem und Hilfeprinzipien kombiniert, beruhen auf unterschiedlichen Verständnissen von Solidarität unterprivilegierten Menschen gegenüber. Das Bestreben zu mehr Inklusion aller Versicherten betont in beiden Gesundheitssystemen (mit der Krankenversicherungspflicht in Deutschland und der "Allgemeinen Grundversicherung" — CMU, Couverture Maladie Universelle — in Frankreich) die gegensätzliche Tendenz der Ausgrenzung prekarisierter migrantischer Gruppen, die in den beiden Länder deutlich zu sehen ist. Diese Entwicklung drückt sich in den zwei Ländern allerdings sehr unterschiedlich aus. In Frankreich wurde bereit im Jahr 2000 — und zusätzlich zur PASS Gründung 1998 — eine »Staatliche Medizinische Sozialhilfe« (Aide Médicale d’État – AME) eingeführt, die speziell nur für illegalisierte Menschen eingeführt wurde und ihr Grundbedürfnis medizinischer Versorgung zunächst einmal anerkennt. Gleichzeitig werden migrantische Gruppen unter den am meisten Benachteiligten durch eine zunehmende Komplexität des Zugangs zu Krankenversicherung und medizinischer Sozialhilfe sowie diskriminierende Praxen innerhalb des  öffentlichen Gesundheitssystem weiterhin ausgegrenzt (Geeraert, 2014, 2017a und 2017b). In Deutschland ist die Lage anders, da es nie zu einer Konkretisierung eines Rechts auf medizinische Versorgung für illegalisierte Menschen gekommen ist. Das hat zur Folge, dass Betroffene selbst im ernsten Krankheitsfalle auf eine Behandlung durch öffentliche Einrichtungen verzichten müssen, da sie zu befürchten haben, darauf hin angezeigt und abgeschoben zu werden (Mylius et. al., 2013). Wenn sie (wie die meisten Betroffenen) notwendige medizinische Versorgung nicht selbst bezahlen können, bleiben ihnen allein humanitäre Gesundheitseinrichtungen und inoffizielle Netzwerke engagierter Ärztinnen- und Ärzte. Das geplante Projekt wird den Einfluss dieser Unterschiede erforschen, insbesondere in ihren Auswirkungen auf die soziale Konstruktion legitimer und illegitimer Patient_Innenkategorien sowie ihrer Inklusion/Exklusion in das oder aus dem Gesundheitswesen. Schließlich – und trotz der scheinbar sehr unterschiedlichen Behandlung von Migrant_Innen ohne Krankenversicherung in den beiden Gesundheitssystemen, verfolgt das Forschungsvorhaben die Hypothese, dass systematische wie situative Ähnlichkeiten, sowohl im Profil und den Motiven der Akteur_Innen im Raum der "Medizin der Prekarität", als auch in der Organisation, in den spezifischen gesundheitliche Praxen und Vorstellungen, die diesem Raum eine transnationale Dimension zuschreibt. 
Methode und Durchführung der Forschungsarbeit
Wie bereits erwähnt ist dieses postdoktorale vergleichende Projekt die Fortsetzung einer abgeschlossene Doktorarbeit. Das bedeutet, dass die französische Feldforschung schon abgeschlossen ist. Die deutsche Feldforschung, die hauptsächlich in Berlin stattfinden wird, wird den bereits angewandten Methoden folgen, was für sicheres und vertrauenswürdiges Analysematerial sorgt. Das Forschungsmaterial, das bereits während der Promotion in Frankreich gesammelt werden konnte, besteht aus:
43 Leitfaden-Interviews mit unterschiedlichen PASS-Angestellten (Ärzte_Innen, Sozialarbeiter_Innen, Krankenpfleger_Innen), Mitglieder von Krankenhausdirektionen und Angestellten von Gesundheitsbehörden.
2 ethnographische Monografien in PASS (Beobachtungen auf Alltagsbasis sowie Interviews, beides über längere Zeit). 
Beobachtungen in PASS (in ärztlichen und sozialarbeiterischen Sprechstunden sowie im Wartezimmer) und in einem PASS-Angestellten-Kollektiv.
Beobachtungen in einem humanitären Gesundheitszentrum und bei Treffen eines Netzwerkes von NGOs, die für den Zugang zur medizinischen Versorgung für prekäre Migrant_Innen kämpft.
Teilnehmende Beobachtungen in einer PASS-Arbeitsgruppe in einer regionalen Gesundheitsbehörde. 
Analyse von PASS-Jahresberichten und historischen Dokumenten über PASS.
Die empirische Forschung, die während meines Aufenthaltes in Deutschland durchgeführt wird, wird nicht so umfangreich sein wie zuvor in Frankreich, da eine systematische vergleichende Arbeit angestrebt wird. Da ich bereits auf der französischen Seite viele fruchtbare Ergebnisse habe, wird es sich vor allem um ergänzende Materialien handeln, die die Unterschiede, Gemeinsamkeiten und spezifischen Besonderheiten der deutschen Situation deutlich machen. Herausforderung in Berlin wird sein, die Erlaubnis zu bekommen, um vor Ort Beobachtungen machen zu können. Während meiner vorherigen Aufenthalte im Centre Marc Bloch in Berlin haben ich bereit Kontakte mit Akteur_Innen dieses Feldes knüpfen können und adäquate Einrichtungen identifiziert. So plane ich zwei humanitäre Einrichtungen zu fragen: das Medibüro Berlin (Büro für medizinische Flüchtlingshilfe und die Malteser Migranten Medizin von Berlin, beide bieten kostenlose medizinische Versorgung für illegalisierte Migrant_Innen an. Darüber hinaus möchte ich auch in öffentlichen Einrichtungen wie Gesundheitsämtern Beobachtungen und Interviews mit Angestellten durchführen. Das erste Semester meines Aufenthalts in Berlin (Oktober 2018 - März 2019) wird sich der Suche nach Beobachtungsmöglichkeiten und Interviewpartner_Innen sowie das intensive Lesen sozialwissenschaftlicher Literatur über das deutsche Sozial- und Gesundheitssystem und die Situation von Menschen ohne Krankenversicherung widmen. Während des zweiten Semesters (März 2019 - Juli 2019) werde ich mich auf die Durchführung der Feldforschung konzentrieren und erste Daten verarbeiten können. 
Literatur
Aïach P., Les inégalités sociales de santé, Écrits, Ed. Economica, coll. «sociologiques», Paris 2010. Becker H., Les Mondes de l'art, Paris, Flammarion, 1988 (1982).
Bezes Philippe, Réinventer l’État: les réformes de l’administration française (1962-2008), Paris, France,     Presses universitaires de France, 2009, xiv+519 p.
Boltanski L., « Les usages sociaux du corps », Les annales E.S.C. 1971 ; 26 : 205-233.
Castañeda Heide, « Medical aid as protest: acts of citizenship for unauthorized im/migrants and refugees », Citizenship Studies, vol. 17, no 2, Avril 2013, pp. 227‑240.
Castel R., Les métamorphoses de la question sociale, Paris, Fayard, 1995.
Chimienti Milena et Solomos John, « How do international human rights influence national healthcare provisions for irregular migrants?: A case study in France and the United Kingdom », Journal of Human Rights, vol. 15, n° 2, Avril 2016, pp. 208-228.
De Genova Nicholas P., « Migrant « Illegality » and Deportability in Everyday Life », Annual Review of Anthropology, vol. 31, no 1, Octobre 2002, pp. 419‑447.
Desprès C., « Négocier ses besoins dans un univers contraint. Le renoncement aux soins en situation de précarité. », Anthropologie & Santé, 2013 May 27, Available from: http://anthropologiesante.revues.org/1078.
Fassin Didier, Costa-Lascoux Jacqueline et Hily Marie-Antoinette, « L’altérité de l’épidémie. Les politiques du sida à l’épreuve de l’immigration », Revue européenne de migrations internationales, vol. 17, no 2, 2001, pp. 139‑151.
Fassin D. et Memmi D. (dir.), Le gouvernement des corps, Paris, éd. Ehess, 2006.
Fisher S., « Doctor-patient communication: a social and micro-political performance », Sociology of Health and Illness, 1984, p.1-29.
Gabarro C., « Les demandeurs de l’aide médicale d’État pris entre productivisme et gestion spécifique. », Revue Européenne des Migrations Internationales, 2012 ; 28/2 : 35-56.
Geeraert Jérémy, « Im Wartezimmer der Unerwünschten. Inklusion und Exklusion von illegalisierten Menschen im Gesundheitssystem in Frankreich », Phase 2. Zeitschrift gegen die Realität, n° 47, Frühjahr 2015.
Geeraert Jérémy, « Healthcare Reforms and the Creation of Ex-/Included Categories of Patients - « Irregular Migrants » and the « Undesirable » in the French Healthcare System », International Migration, 27     Octobre 2017a.
Geeraert Jérémy, "La question sociale en santé. L'hôpital public et l'accès aux soins des personnes en marge du système de santé en France à l'aube du XXIe siècle", thèse de doctorat en sociologie, université P13, 2017b.
Kerleau M., « De la couverture maladie universelle aux politiques d’accès à l’assurance-maladie complémentaire : Diversité des modèles et des protections », Revue Française de Socio-Économie, 9, 2012, p. 171-18
Mylius M., Bornschlegl W., Frewer A., Medizin für « Menschen ohne Papiere »: Menschenrechte und Ethik in der Praxis des Gesundheitssystems, V&R unipress, Göttingen, 2011.
Pestalozza C., « Das Recht auf Gesundheit: Verfassungsrechtliche Dimensionen », Bundesgesundheitsblatt - Gesundheitsforschung - Gesundheitsschutz, vol. 50, no 9, Septembre 2007, pp. 1113‑1118.

Publikationen
  • Geeraert J., « La prise en charge par l’hôpital des populations à la marge du système de santé en France : l’exemple des Permanences d’accès aux soins de santé », Saúde e Sociedade, vol. 27, no 3, 2018, pp. 654‑669.
  • Geeraert J., « Atendimento hospitalar para populações à margem do sistema de saúde na França: o exemplo dos Permanences d’accès aux soins de santé », Saúde e Sociedade, vol. 27, no 3, 2018, pp. 654‑669.
  • Geeraert J., « Healthcare Reforms and the Creation of Ex-/Included Categories of Patients — “Irregular Migrants” and the “Undesirable” in the French Healthcare System », International Migration, vol. 56, 2018, pp. 68-81.
  • Geeraert J., « Les frontières à géométrie variable de la citoyenneté. Accès aux soins des migrants dans un dispositif d’assistance », Trajectoires. Travaux des jeunes chercheurs du CIERA, Hors série n° 3, 2017.
  • Geeraert J., « La médecine de la précarité à l’hôpital. Catégorisation et production de la norme dans les Permanences d’accès aux soins de santé », Cliniques méditerranéennes, n° 94, 2016, pp. 69-81.
  • Geeraert J. « Im Wartezimmer der Unerwünschten. Inklusion und Exklusion von illegalisierten Menschen im Gesundheitssystem in Frankreich », Phase 2. Zeitschrift gegen die Realität, n° 47, Frühjahr 2015.
  • Geeraert J. « Une médecine de la précarité à l’hôpital. Tensions et enjeux sur la conception du soin. Le cas des Permanences d’accès aux soins de santé », in Pierre T., Fernandes A., Kessler-Bilthauer D., Megherbi S. et Morales La Mura Q. (dir.) Autour du soin. Pratiques, représentations, épistémologies, Presse Universitaire de Nancy, coll. Santé, qualité de vie, handicap, 2014, pp. 53-71.
  • Geeraert J. et Rivollier E., « L’accès aux soins des personnes en situation de précarité », Soins, vol. 59, n° 790, novembre 2014, pp. 14-18.

An-Institut

© Centre Marc Bloch 2018 - Deutsch-Französisches Forschungszentrum für Sozialwissenschaften, Berlin

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