Leben am Centre

Porträt - Joël Glasman - Gegen die Fassungslosigkeit

16. November 2017


Auf dem Schreibtisch liegen ein Handbuch, die „Humanitäre Charta und Mindeststandards in der humanitären Hilfe“, sowie ein Armband, das unserer Unterhaltung als Einstieg dient. Diesem Armband, welches den Umfang des menschlichen Oberarmes messen soll (daher sein Name MUAC, Mid-Upper Arm Circonference), ist Joël Glasman bei seinen Recherchen unzählige Male begegnet, ob bei der Feldforschung in Togo und Kamerun oder im Rahmen seines DFG-Projekts „Flüchtlingslager. Geschichte einer humanitären Technologie“. Es wird zur Messung des Grads der Unterernährung von Kleinkindern benutzt, unter anderem in der Uniklinik von Lomé, dem größten Krankenhaus Togos, in dessen Kinderklinik Joël Glasman sich erinnert, das Armband zum ersten Mal als historisch bedeutsam verstanden zu haben.
Joël Glasman schreibt die Geschichte von Objekten, Praktiken und Normen, die sich im Wettbewerb der humanitären Technologien durchgesetzt haben, wie etwa dieses Armband. Ursprünglich entwickelt und verwendet von NGOs (Nicht-Regierungsorganisationen), wurde es von den internationalen Organisationen übernommen und verbreitet und ist heute fester Bestandteil der alltäglichen medizinischen Praxis bis in die staatlichen Krankenhäuser hinein. Anhand dieses Beispiels erläutert Joël Glasman einen Normierungsprozess, der seit Ende des Zweiten Weltkriegs auf eine Universalisierung von Praktiken und Verwaltung der humanitären Hilfe abzielt. Mit Michel Foucault und Dipesh Chakrabarty hinterfragt Joël Glasman aber auch das Konzept der Gouvernementalität. Während in zahlreichen Staaten Gouvernementalität und Souveränität Hand in Hand gehen, wird in den von ihm untersuchten Ländern staatliche Unterstützung oft von anderen Akteuren wie Parteien, Gewerkschaften und NGOs ergänzt. Joël Glasman erfasst Gouvernementalität somit jenseits des Staats, etwa in seiner Doktorarbeit Les corps habillés au Togo. Genèse des métiers de police, die 2015 erschienen ist.
Die Arbeiten des Historikers und Spezialisten für afrikanische Geschichte sind geprägt von sozialgeschichtlichen Ansätzen. Die erschütternde Realität aktueller Geschehnisse lässt sich nicht aus seinem Forschungsfeld ausblenden; die Arbeit im Archiv erscheint da fast wie ein Refugium, das den „Effekt der Fassungslosigkeit“ zu mindern vermag.
Nachdem er in Leipzig sowie an der Humboldt-Universität zu Berlin lange vornehmlich innerhalb der Afrikanistik gearbeitet hat, knüpft Joël Glasman seit seiner Ankunft am Centre Marc Bloch im Jahr 2016 an die interdisziplinäre Zusammenarbeit mit Forschenden aus Politikwissenschaft, Soziologie, Ethnographie und Philosophie des Centre an, mit denen er Konzepte und Praktiken teilt. Ungeachtet der Bedeutung des afrikanischen Kontinents sind Lehrstühle für Afrikanische Geschichte in Deutschland rar; Afrikanistik gilt immer noch als Orchideenfach und muss sich ununterbrochen behaupten. Doch Joël Glasman wurde kürzlich an die Universität Bayreuth berufen, wo ihn ab Januar 2018 ein Lehrstuhl am Institut für Afrikastudien, einer der bedeutendsten Forschungseinrichtungen zum Thema, erwartet.
Joël Glasman wird am 18. Dezember im Rahmen des Forschungskolloquiums des Centre Marc Bloch einen Vortrag über „Le gouvernement international de l’Afrique. Jalons pour une sociohistoire du pouvoir humanitaire“ halten.


Text und Foto: Caroline Garrido



Kontakt:

Joël Glasman
glasman_[at]_cmb.hu-berlin.de