Die Musik der Gesten

31.03.2016 – 1.04.2016
14:00

Körperliche Dimensionen in der zeitgenössischen Musik: Potentiale und Grenzen Gesten des Ausdrucks, der Erzeugung oder der Rezeption von Musik fanden bisher nur wenig Aufmerksamkeit im wissenschaftlichen Diskurs; und das, obwohl sie ohne Zweifel im Zentrum des musikalischen Geschehens sowie damit verbundener Praktiken des Notierens, Spielens und Wahrnehmens stehen. Doch was genau tun Gesten eigentlich? Sind sie Übermittler und Ausdruck einer in ihnen sich artikulierenden musikalischen Bewegung, Manifestation eines über sie hinausreichenden „Wesens“ der Musik oder eines musikalischen Werkes? Sind sie eigenständige Agenten der Musik, die durch physiologische, emotionale und rationale Prozesse ein spezifisches kreatives Potential aktivieren, das nur ihnen eigen ist? Oder setzen Gesten dem kreativen Prozess vielmehr Grenzen, indem sie musizierende Körper den Normen historischer, sozialer und politischer Kontexte unterwerfen – und mit ihnen die Musik? Der Workshop möchte diese Fragen verfolgen, indem er seinen Fokus auf einen bestimmten Ausschnitt aus dem weiten und bis jetzt weitgehend unerforschten Feld richtet: auf die Rolle musikalischer Gesten in der zeitgenössischen Musik. Komponisten des 20. und 21. Jahrhunderts haben oft bewusst ihre eigenen Körper, die der Interpreten oder des Publikums als Medium der Musik eingesetzt. Doch begegnen Künstler wie Mauricio Kagel, Helmut Lachenmann, Dieter Schnebel oder Jörg Widmann dem Körper in höchst unterschiedlicher Weise – das Spektrum reicht von Affirmation bis zu kritischer Distanz.     Ort : Humboldt-Universität zu Berlin Institut für Musikwissenschaft und Medienwissenschaft Am Kupfergraben 5 10117 Berlin Raum 501   Veranstalter:   „Hörbare Gebärden – Der Körper in der Musik“ Forschungsprojekt am Institut für Musikwissenschaft und Medienwissenschaft der Humboldt-Universität zu Berlin; gefördert vom Schweizerischen Nationalfonds Arne Stollberg

Programm

Donnerstag, 31. März 2016   14.00 Uhr       Begrüßung   14.15 Uhr       Gunter Gebauer (Freie Universität Berlin)                         Gesten als Zeichen und Aufführung   15.00 Uhr       Christian Grüny (Universität Witten/Herdecke)                         Artikulation und Resonanz. Musik als gestische Form                         15.45 Uhr       Kaffeepause   16.15 Uhr       Nicolas Donin (IRCAM, Paris) Präsentation des Forschungsprojekts GEMME (Geste musical: modèles et experiences)   17.00 Uhr       Arne Stollberg / Jana Weißenfeld (Humboldt-Universität zu Berlin) Präsentation des Forschungsprojekts „Hörbare Gebärden – Der Körper in der Musik“     19.00 Uhr Medientheater des Instituts für Musikwissenschaft und Medienwissenschaft der Humboldt-Universität zu Berlin, Georgenstraße 47, 10117 Berlin   Performance des Ensembles „Maulwerker“ mit einer Einführung von Ariane Jeßulat (Universität der Künste Berlin)   Programm   Dieter Schnebel Redeübungen für Hand und Mund aus Laut-Gesten-Laute (1981-85) Ensemble   Christian Kesten zunge lösen (1999/2002) Ensemble   Dieter Schnebel Bagatellen [Mühe. Spiel. Bindungen] (1986) Ariane Jeßulat, Klavier   Christian Kesten G is for Guam Flying Fox (Pteropus tokudae). Über die Lebensweise des Guam-Flughunds ist nichts bekannt (2012) Christian Kesten   Dieter Schnebel Numbers (1992) Ariane Jeßulat   Dieter Schnebel Poem für 1-3 Finger aus Zeichen-Sprache (1986-90) Henrik Kairies   Dieter Schnebel Poem für 1 Springer aus Zeichen-Sprache (1986-90) Christian Kesten   Dieter Schnebel Stumme Schreie (2008) Katarina Rasinski   MAULWERKER Ariane Jeßulat | Henrik Kairies | Christian Kesten | Katarina Rasinski         Freitag, 1. April 2016   10.00 Uhr       Anne-Sylvie Barthel-Calvet (Université de Lorraine, Nancy; IRCAM, Paris) Can musical gesture be theorized? A study of composers’ writings and music criticism in the second half of 20th century   10.45 Uhr       Florian Henri Besthorn (Basel)                         Überraschend „theatral“. Jörg Widmanns jüngste Orchesterwerke                           11.30 Uhr       Kaffeepause     11.45 Uhr       Leo Dick (Bern) „Dem Volk aufs Maul schauen“. Der spirituelle Gestus in Dieter Schnebels szenischen Vokalwerken der 60er und 70er Jahre       12.30 Uhr       Mittagspause     14.30 Uhr       François-Xavier Féron (CNRS-LaBRI/SCRIME, Bordeaux; IRCAM, Paris) Analyzing extended techniques in terms of instrumental gesture: An acoustics-based typology inspired by Lachenmann’s Pression     15.15 Uhr       Stephanie Schroedter (Freie Universität Berlin) Zwischen hör- und sichtbaren Gesten. Körperliche Dimensionen zeitgenössischer Musik am Beispiel von Xavier Le Roys (More) Movements für Lachenmann               16.00 Uhr       Kaffeepause   16.30 Uhr       Körper und Gesten im zeitgenössischen Musiktheater Podiumsdiskussion mit Mark Andre (Berlin/Dresden), Patrick Hahn (Staatsoper Stuttgart), Mara Kurotschka (Berlin), Nicolas Donin, Arne Stollberg Moderation: Friederike Wissmann (Berlin/Bonn) / Karsten Lichau (Centre Marc Bloch)