Aufklärung und ihre Kritiker:innen

Mit Nikita Dhawan (TU Dresden)

4.05.2026
10:00 – 12:00

Hybrid: Tillion-Saal & Online

Aufklärung und ihre Kritiker:innen

Die intellektuellen und politischen Vermächtnisse der Aufklärung wirken bis in unsere Gegenwart fort – ob wir uns nun an ihnen orientieren oder ihre Ansprüche infrage stellen. Immer wenn über Normen des Säkularismus, der Menschenrechte oder der Gerechtigkeit debattiert wird, positionieren wir uns im Verhältnis zur Aufklärung, die wichtige intellektuelle, moralische und politische Ressourcen für kritisches Denken bereitstellt. Immanuel Kants Diktum „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ bringt den emanzipatorischen Anspruch der Aufklärung durch den Gebrauch der Vernunft prägnant zum Ausdruck. Angesichts von Feudalismus und Autoritarismus formulierten die Denker:innen der Aufklärung Ideale von Gleichheit, Rechten und Rationalität als Ausweg aus Herrschaft hin zur Freiheit.

Indem sie die Legitimation sozialer Ungleichheiten bestritten, so heißt es, habe die Aufklärung das progressive politische Denken – einschließlich Liberalismus und Sozialismus – maßgeblich beeinflusst. Sie ermöglichte eine kritische Reflexion politischer Normen und Praktiken und förderte die Rechenschaftspflicht von Institutionen, die Gleichheit vor dem Gesetz sowie die Transformation sozialer Verhältnisse. Emanzipatorische Bewegungen für das Wahlrecht, die Abschaffung der Sklaverei und bürgerliche Freiheitsrechte lassen sich auf die Aufklärung zurückführen, auch wenn sie zugleich weiterhin gegenwärtige soziale und politische Bewegungen inspiriert. Die aufklärerische Idee individueller Rechte und Würde, so wird angenommen, ermöglicht die Ausübung politischer Handlungsfähigkeit und erweitert individuelle Freiheit.

Wie jedoch sowohl in den Postcolonial Studies als auch in den Holocaust Studies hervorgehoben wurde, hat das aufklärerische Versprechen, durch den Gebrauch der Vernunft Freiheit zu erlangen, paradoxerweise in eine Herrschaft der Vernunft selbst geführt. Neben Fortschritt und Emanzipation brachte sie auch Kolonialismus, Sklaverei, Völkermord und Verbrechen gegen die Menschlichkeit hervor. Der Vortrag wird sich mit den widersprüchlichen Folgen der Aufklärung für die postkoloniale Welt auseinandersetzen.

Nikita Dhawan ist Inhaberin des Lehrstuhls für Politische Theorie und Ideengeschichte an der Technischen Universität Dresden. In Forschung und Lehre beschäftigt sie sich mit globaler Gerechtigkeit, Menschenrechten, Demokratie und Dekolonisierung. 2017 wurde sie mit dem Käthe-Leichter-Preis für herausragende Leistungen in der Frauen- und Geschlechterforschung sowie für ihr Engagement zur Förderung der Frauenbewegung und der Gleichstellung ausgezeichnet. Zu ihren ausgewählten Publikationen zählen: Impossible Speech: On the Politics of Silence and Violence (2007); Reimagining the State: Theoretical Challenges and Transformative Possibilities (Hg., 2019); Rescuing the Enlightenment from the Europeans: Critical Theories of Decolonization (erscheint demnächst bei Duke University Press). Im Jahr 2023 wurde ihr die Gerda Henkel Visiting Professorship an der Stanford University sowie das Thomas Mann Fellowship in Los Angeles verliehen.