„​Mir erschien das CMB schon immer wie eine kleine, spannende Insel in der Berliner Forschungslandschaft“

Interview mit unserer neuen stellvertretenden Direktorin Julia Pohle

Interview

Liebe Julia, du bist die neue stellvertretende Direktorin am Centre Marc Bloch. Warst du vorher schonmal am CMB? Was ist dein erster Eindruck vom Institut und was hat dich daran gereizt, hier Verantwortung zu übernehmen?
Julia Pohle: Ich kenne das CMB schon sehr lange über Freunde und KollegInnen, die hier gearbeitet haben oder assoziiert waren. Vor einigen Jahren konnte ich zudem einmal bei einer Podiumsdiskussion über meine damaligen Forschungsthemen sprechen. Mir erschien das CMB schon immer wie eine kleine, spannende Insel in der Berliner Forschungslandschaft, wo wirklich interdisziplinäre Forschung stattfindet – mit einem europäischen Fokus und in netter, familiärer Atmosphäre. Ein Eindruck, der sich in den ersten Monaten hier bestätigt hat. Ich hatte schon lange Lust, meine Forschung hier einzubringen und dazu beizutragen, diese besondere Struktur zu bewahren und gleichzeitig in Berlin noch bekannter zu machen. Und ich freue mich zurzeit jeden Tag aufs Neue, dazu nun Gelegenheit zu haben.

Du kommst vom WZB zu uns ans Centre Marc Bloch, hast aber auch in Frankreich und Belgien gearbeitet.Was ist dein Bezug zur deutsch-französischen Wissenschaftswelt? Ich bin 2006 gegen Ende meines Studiums nach Paris gezogen. Eigentlich wollte ich dort nur ein Praktikum machen, blieb dann aber fast zehn Jahre, um bei der UNESCO zu arbeiten und anschließend in Kommunikationswissenschaft zu promovieren. Ich habe meine Promotion als Co-tutelle zwischen Frankreich und Deutschland begonnen und nach einem Jahr an der Vrije Universiteit Brussel in Belgien fortgesetzt, da ich dort eine Projektfinanzierung erhielt. Ich blieb aber während meiner Promotion am Pariser Institut meiner Doktormutter integriert und habe in verschiedenen Forschungs- und Publikationsprojekten in Frankreich mitgearbeitet. Auch nach meiner Rückkehr nach Berlin 2015 blieb ich der französischen Wissenschaftswelt durch Gastaufenthalte, Co-Publikationen und gemeinsame Projekte verbunden. Seit 2025 bin ich zudem assoziierte Wissenschaftlerin am Centre Internet et Société des CNRS. Auch außerhalb der Wissenschaft lebe ich in der deutsch-französischen Bubble: Mein Mann ist Franzose, unsere zwei Kinder wachsen zweisprachig auf und besuchen eine deutsch-französische Schule bzw. Kita hier in Berlin, und wir verbringen weiterhin viel und gerne Zeit in Frankreich.

Aktuell ist dein Forschungsthema aufgrund der politischen Forderungen nach „digitaler Souveränität“ besonders stark im medialen Fokus. Welche Perspektivebringst du in diese Debatte ein?
Mein Forschungsschwerpunkt ist die globale Digital- und Kommunikationspolitik. Ich habe daher die Debatte um digitale Souveränität seit ihren Anfängen 2013–2014 verfolgt, lange bevor das Thema zu einem politischen Hype wurde. Ich sehe die aktuellen Forderungen als Zeichen eines langfristigen Trends, die Entwicklung digitaler Technologien und digitaler Infrastrukturen nicht länger in die Hände von Unternehmen zu legen und dem Markt anzuvertrauen. Stattdessen setzt sich glücklicherweise die Erkenntnis durch, dass die digitale Transformation – inklusive aller Abhängigkeiten und Probleme, die damit verbunden sind – menschengemacht und daher eine gesellschaftliche und politische Aufgabe ist. Das Problem ist allerdings, dass digitale Souveränität nun zu einem Heilsversprechen wird, das vor allem durch mehr Wettbewerb und Innovation sowie durch einen geopolitischen Machtkampf erreicht werden soll. Solche Engführungen – und wie sich bestimmte Vorstellungen in politischen Maßnahmen niederschlagen und was dabei ausgeblendet wird – versuche ich in meiner Forschung aufzudecken und kritisch zu hinterfragen.

Interdisziplinarität ist ein zentrales Merkmal des CMB. Wie wichtig istdies für deine Arbeit als Kultur- und Kommunikationswissenschaftlerin?
Ich habe einen Magister-Abschluss in Kulturwissenschaft, Informatik und Philosophie und einen Doktorabschluss in Kommunikationswissenschaft und arbeite heute vor allem an der Schnittstelle von Politikwissenschaft, Kommunikationswissenschaft und STS. Für mich ist Interdisziplinarität daher die Grundlage meiner Arbeit. Grenzen zwischen Disziplinen haben für mich nie eine Rolle gespielt. Die Kehrseite ist, dass ich in keiner Disziplin vorrangig sozialisiert wurde und mich keiner uneingeschränkt zuordnen kann. Das ist in einem universitären Umfeld häufig schwierig – was nicht zuletzt auch der Grund ist, warum ich mich in der interdisziplinären, außeruniversitären Forschung wie am CMB so wohl fühle.

Welchem Forschungsschwerpunkt des CMB hast du dich angeschlossen und wie kannst du mit deinen Themen zu dem Fokus beitragen?
Ich gliedere mich mit meinen Themen in den Schwerpunkt „Europa und Demokratie unter Druck“ ein, da ich in meiner Forschung unter anderem die diskursive und praktische Konstruktion einer kollektiven europäischen Identität in der gemeinsamen Digitalpolitik der EU hinterfrage. Insbesondere versuche ich zu dekonstruieren, wie die EU versucht, sich als globale Vorreiterin einer werte- und regelbasierten digitalen Transformation zu positionieren, um so demokratieschädigende Entwicklungen der Digital- und Plattformwirtschaft aufzuhalten. Außerdem arbeite ich mit mehreren KollegInnen, u. a. vom Joint Research Centre der Europäischen Kommission, daran, auf Basis existierender Forschung Ideen zu entwickeln, wie eine demokratischere und gemeinwohlorientierte Politik der digitalen Souveränität in Europa aussehen könnte.

Und wann erreichen wir „digitale Souveränität“ am Centre Marc Bloch? Oder anders, was zeichnet für dich ein außeruniversitäres Forschungsinstitut aus?
Digitale Souveränität können wir überhaupt nicht erreichen. Das ist ja nur ein diskursives Ziel, das keiner realen Konstellation entspricht. Außerdem sind wir – egal, welche Soft- und Hardware wir für uns hier auswählen – immer auf digitale Infrastrukturen und Technologien angewiesen, über die wir nicht entscheiden können. Das ist ein politökonomisches Problem, das keine Organisation für sich lösen kann. Der Vorteil eines außeruniversitären Instituts liegt für mich vor allem im Forschungsbereich: die schon erwähnte Möglichkeit zur Interdisziplinarität, der Fokus auf Forschung statt Lehre und mehr Raum für Wissenschaftstransfer. Aber ein kleines Institut wie das unsere hat natürlich zudem die Möglichkeit, in vieler Hinsicht deutlich selbstbestimmter zu agieren – z.B. im Umgang mit unserem Budget oder mit Blick auf die Gestaltung unserer Verwaltungsstrukturen. Das geht mit Unsicherheiten und Mehraufwand einher, aber die Selbstbestimmung gibt uns Freiheiten, die alle, die schon mal mit großen, schwerfälligen Uni-Verwaltungen zu kämpfen hatten, zu schätzen wissen.
Was würdest du gerne in den kommenden Jahren gemeinsam mit dem CMB ausprobieren oder neu denken?
Das CMB hat schon viele tolle Initiativen und sehr gut funktionierende Strukturen. Ich bin beeindruckt, wie effizient ein so kleines Team sein kann. Allerdings sehe ich auch, dass das Verwaltungsteam an seine Belastungsgrenzen gerät und die aktuelle Finanzlage es nicht besser machen wird. Daher möchte ich vor allem kleine Impulse setzen und einen Beitrag dazu leisten, existierende Initiativen fortzuführen und zu stärken. Mir fällt immer wieder auf, dass das CMB und die spannende Arbeit seiner Forschenden über die französischsprachigen Kreise hinaus in Berlin nicht sehr bekannt sind. Gemeinsam mit euch allen möchte ich daher die Sichtbarkeit der am CMB stattfindenden Forschung und die Vernetzung mit außeruniversitären Instituten, forschungsnahen Organisationen und der Zivilgesellschaft in Berlin und Deutschland noch weiter stärken. Auch der Austausch zwischen politischen Entscheidungsträgern und Forschenden des CMB ist etwas, das ich gerne noch strukturierter angehen und dazu neue Formate ausprobieren möchte.