Marc Bloch und die Krisen des Wissens

4.10.2007 – 6.10.2007
10:00

Ziel dieser Tagung ist es, das wissenschaftliche Denken und die Arbeit von Marc Bloch im intellektuellen, sozialen und politischen Zusammenhang der Zwischenkriegsjahre zu erkunden. Als Vertreter einer strengen Wissenschaftsauffassung war Marc Bloch in besonderem Maße durch die lauten Krisenerklärungen herausgefordert, die in den 20er und 30er Jahren sowohl in den Sozialwissenschaften als auch den Naturwissenschaften zirkulierten. Dies gilt ebenso für die epistemologischen Infragestellungen im Bereich der Philosophie und Soziologie wie für die Folgen der relativistischen Revolution in der Physik. Wie wichtig diese Diskussionen für den Historiker waren, läßt sich besonders deutlich an seinem letzten großen Manuskript ablesen, der Apologie pour l’histoire. Dort heißt es in einer berühmten Passage: „Das geistige Klima ist heute nicht mehr dasselbe. Die kinetische Theorie der Gase, die Einsteinsche Mechanik und die Quantentheorie haben das Bild, das man sich noch gestern von der Wissenschaft machte, grundlegend verändert. Sie haben nicht ihre Bedeutung geschmälert, sondern sie flexibler gemacht. In vielerlei Hinsicht haben sie die Gewißheit durch das unendlich Wahrscheinliche ersetzt und das exakt Meßbare durch den Begriff der ewigen Relativität des Meßvorganges. Sie haben sogar die unzähligen Menschen beeinflußt, die – leider muß ich mich selbst zu ihnen zählen! – diese große Wende infolge mangelnder Intelligenz oder einer lückenhaften Bildung nur aus der Entfernung und sozusagen indirekt verfolgen können.“Auf der geplanten Tagung soll es um den von Bloch angesprochenen Klimawandel gehen – der sich in Form von Krisenerklärungen artikulierte – , indem verschiedene gesellschaftliche und wissenschaftliche Bereiche untersucht werden, die direkt oder indirekt zu ihm beitrugen oder ihn weiterleiteten. Als Referenten sollen daher nicht bloß Bloch-Spezialisten zu Wort kommen, sondern v.a. auch Kenner jener verschiedenen wissenschaftlichen und philosophischen Kontexte, die Bloch wahrnahm und auf die er reagierte.

Programm

Vorläufiges Programm Donnerstagabend, 18h30 Eröffnung durch Prof. Pascale Laborier (Direktorin des Centre Marc Bloch) und Prof. Hans-Jörg Rheinberger (Direktor des Max Planck Instituts für Wissenschaftsgeschichte)Einführungsvortrag: Peter Schöttler (Paris/Berlin): Marc Bloch und die Krisen des Wissens 1. Sektion Freitagmorgen, 9h30· Bertrand Müller (Genf): La «crise des civilisations» et les sciences sociales dans l’entre-deux-guerres · Massimo Mastrogregori (Rom): L’expérience politique de Marc Bloch· François-Olivier Touati (Tours): Des historiens en crise? Marc Bloch et les médiévistes français, 1904-1944 (-1970 ?) 2. Sektion Freitagnachmittag, 14h00· Otto Gerhard Oexle (Göttingen): [Deutsche Kulturwissenschaften und Krise des Historismus]· Jean-Louis Fabiani (Paris): Fin d’un modèle de scientificité pour l’histoire ? Fragilité institutionnelle et incertitudes conceptuelles de l’école durkheimienne de sociologie entre les deux Guerres· Enrico Castelli-Gattinara (Rom): Bloch et Bergson: pas de philosophie de l’histoire · Philippe Despoix (Montréal): Photographie, cinéma et les sciences de la culture autour de 1930  Gemeinsames Abendessen. 3. Sektion Samstagmorgen, 9h30· Hans-Jörg Rheinberger (Berlin): [Bachelard]· Françoise Balibar (Paris): La crise de l’indéterminisme · Norbert Schappacher (Straßburg): Correlating events, integrating uncertainty, processing time. Probabilistic approaches in mathematics between the two World Wars · Christian Bonnet (Paris): La réception du Cercle de Vienne en France  Zusammenfassung: Hans-Jörg Rheinberger/Peter Schöttler