Demokratie im Spannungsfeld von Deliberation, Partizipation und Repräsentation
12.06.2008
10:00
Demokratie ist nichts Statisches. Demokratische Gesellschaften sind in ständiger Entwicklung und dementsprechend auch die Formen ihrer Legitimation. Während die Durchführung von Wahlen die grundlegende Legitimität der demokratischen Systeme immer noch garantiert, verbreitet sich die Idee, dass der einzelne Bürger stärker mitbestimmen und an den Entscheidungsprozessen beteiligt werden soll. Zugleich ist eine andere Tendenz zu beobachten: die politische Kommunikation orientiert sich zunehmend an medialen Formaten oder sogar der Unterhaltungsindustrie. Das traditionelle repräsentative politische System und die Diskussionsformen, die von der medialen Demokratie angetrieben und begünstigt werden, stehen zunehmend unter Kritik. Die Parteien, die ursprünglich die Kommunikation zwischen dem politischen System und der Zivilgesellschaft gesichert haben, sind stark geschwächt oder befinden sich in einer Krise. Zugleich distanzieren sich die zivilgesellschaftlichen Organisationen von ihren Parteiverbindungen. Angesichts dieser neuen Situation ergeben sich neue Herausforderungen für die Demokratie: Wie werden deliberative Prozesse organisiert? Wie werden Einzelinteressen gebündelt und im Sinne des Gemeinwohls umgesetzt? Was muss unternommen werden, damit das politische System zur demokratischen Meinungsbildung beiträgt und die Wünsche der Bürger artikuliert werden können? In jüngster Zeit, vor allem während des französischen Präsidentschaftswahlkampfes, sind diese Fragen in den Medien kontrovers diskutiert worden. In der politischen Theorie spielt der Begriff der deliberativen Demokratie seit über 20 Jahren eine zentrale Rolle. Doch jetzt tritt er in den Vordergrund der wissenschaftlichen Auseinandersetzung und wird auch stärker mit den partizipativen und repräsentativen Prozessen in Verbindung gesetzt. „Deliberative Demokratie“ scheint geeignet, die Beziehung zwischen Deliberation, Repräsentation und Partizipation – den drei zentralen Begriffen der demokratischen Erfahrung – neu zu bestimmen. In Theorie und Praxis werden die Verbindungen zwischen demokratischer Deliberation und Entscheidungen in Frage gestellt und die Doppeldeutigkeit des Begriffs „Deliberation“ in den romanischen Sprachen – der sowohl „Diskussion“ als auch „Entscheidung“ heißen kann – problematisiert. Ziel der Tagung ist es, die aktuelle Debatte um die Deliberation in diesem doppelten Sinne unter einem empirischen und theoretischen Blickwinkel genauer zu betrachten. Die Tagung analysiert auf theoretischer Ebene den Platz der Deliberation in republikanischen und demokratischen Systemen im Rahmen einer vergleichenden Konzeptgeschichte.Zusätzlich wird das Programm der Tagung von weiteren Veranstaltungen des Centre Marc Bloch im Rahmen der Langen Nacht der Wissenschaften, am 14. Juni 2008 inhaltlich unterstützt. Dort widmet sich das Schwerpunktprogramm dem soziologischen Aspekt der Tagung und bietet einem breiten Publikum einen Überblick über die aktuellen Ausprägungen partizipativer Demokratie.
Programm
12. Juni 2008, Beginn 10.00 Uhr10:00 Welcome of the participantsProf. Dr. Pascale Laborier (Director of Centre Marc Bloch)Deliberation – Representation – Participation Moderation: Oliviero Angeli (CMB)10:15 Uhr Pasquale Pasquino (CNRS/NYU): Deliberation, representation, participation: outline of a conceptual analysis11:30 Paula Diehl (Centre Marc Bloch/MSH): Representation and mass-medias12:45 LunchParticipation and Decision-MakingModeration: Evelyne Lagrage (Université Paris 1)14:00 Dieter Rucht (WZB): Power, dissent and deliberation in global justice movements15:15 Yves Sintomer (Centre Marc Bloch/Universität Paris 8): Random selection, deliberation and decision-making process. Note for an historical comparison 16:30 Coffee breakPublic Sphere Moderation: Sandra Seubert (Universität Potsdam)17:00Bernard Manin (EHESS/NYU): Representation, accountability and reason-givingCommentary: Claus Offe (Hertie School of Governance)19:00 End