Europa vertikal – Grenzen und Scheidelinien in der Ost-West-Gliederung Europas (19.,20.Jh)

27.06.2013 – 28.06.2013
12:00

Sowohl der Ribbentrop-Molotow-Pakt mit seinem berüchtigten vertikalen Federstrich quer über die Karte Europas als auch die Beschlüsse der Jalta-Konferenz spalteten den Kontinent nach der Senkrechten. Auch zwanzig Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs bleibt die West-Ost-Orientierung des europäischen Kontinents und die sie visualisierenden vertikalen Scheidelinien ein Wesensmerkmal der „Grenzen und Gliederung Europas“ (Oskar Halecki). Bis heute spielen vertikale Linien – und hier insbesondere Flüsse mit einem partiellen, aber oft auch nur vermeintlichen Süd-Nord-Lauf – auf der gesamteuropäischen mental map eine bemerkenswerte Rolle. Im wissenschaftlichen Diskurs wurden diese Vertikalen im Sinne der longue durée zu prägenden Raumkategorien definiert bzw. kritisch hinterfragt. Nicht zuletzt gehören sie zu allgemein anerkannten Wahrnehmungskategorien und waren bzw. sind handlungsleitend für politische Entscheidungen.Ziel der Tagung ist es, die Thematik jenseits einer rein wissenschafts- bzw. diskursgeschichtlichen Analyse zu diskutieren. Ausgangspunkt ist dabei der Begriff der Phantomgrenzen. Dieser betont das Fortwirken bzw. Wiederauftauchen historischer Raumstrukturen u.a. in Institutionen, sozialen Praktiken oder Raumordnungen und bietet so die Möglichkeit, die Thematik der Vertikalen in Europa neu zu denken. Im Mittelpunkt stehen dabei drei Fragestellungen: Zum einen soll nach der Logik und dem jeweiligen Kontext des Rückgriffs auf reale oder vermeintliche Scheidelinien mit Nord-Süd-Verlauf gefragt werden, die bei der West-Ost-Gliederung des europäischen Kontinents entscheidend waren und sind. Zum anderen interessieren die Wechselwirkungen zwischen Raumdiskurs bzw. -repräsentationen und realer Grenzziehung. Nicht zuletzt soll der Transfer und die Zirkulation von Funktionen zwischen einzelnen Vertikalen analysiert werden.