Zugang von prekären Bevölkerungsgruppen zur medizinischen Versorgung in Frankreich und Deutschland
22.01.2016
9:00
Die Tagung findet auf französisch und deutsch mit einer simultanen Übersetzung statt. Eintritt frei. Anmeldung bis zum 19.01. unter kuhls@cmb.hu-berlin.de Die Arbeitsgruppe „Gesundheit – Prekarität“ aus dem Netzwerk „Santé et Société“ (Paris), sowie die Forscher*innengruppe „Staatliches Handeln und Wissenszirkulation“ des Centre Marc Bloch Berlin laden Sie herzlich zu der Tagung über den Zugang zu medizinischer Versorgung ein. Im Zentrum steht dabei der Austausch zum Thema „Zugang zur Pflege“ in Frankreich und Deutschland an der Schnittstelle von Gesundheit und Prekarität. Die Veranstaltung untersucht in drei Panels die sozialwissenschaftliche Auseinandersetzung mit Fragen der Gesundheit und Prekarität anhand einer makro-sozialer Analysen bis hin zu Feldforschungen. Analysiert werden soziale Ungleichheiten im Gesundheitswesen, der Umgang mit Prekarität, die Genese antiprekärer Politiken im Gesundheitssystem und die politischen Auswirkungen auf prekäre Bevölkerungsgruppen. Panel #1 Soziale Ungleichheiten im Gesundheitswesen und der Epidemiologie Das wissenschaftliche Interesse an sozialen Ungleichheiten im Gesundheitswesen entwickelte sich in Europa zu Beginn der 1980er Jahre, vor allem aber nach Erscheinen des „Black Report“ (1982). Obwohl es in Frankreich und in Deutschland große soziale Ungleichheiten gibt, wurden diese Fragen nur zögerlich von Forschung und Gesellschaft aufgenommen. Aktuelle Fragen, wie jene nach der Anfälligkeit bestimmter Bevölkerungsgruppen für HIV, Migrationsbewegungen und Arbeitsbedingungen in beiden europäischen Gesellschaften bereiten das Feld für alltägliche Beobachtungen der Verschlechterung und der Wiederherstellung gesundheitlicher Ungleichheiten in Westeuropa. Vor diesem Hintergrund und aus einer epidemologischen Perspektive untersucht das Panel die sozialen Ungleichheiten im Gesundheitswesen, mit denen die Bevölkerung in beiden Ländern konfrontiert ist. Panel #2 Gesundheitssysteme und politische Entscheidungen – Auswirkungen auf den Zugang für prekäre Personen Die Ausrichtung von Sozialpolitik genießt die besondere Aufmerksamkeit der Politikwissenschaft. William Genieys und Patrick Hassenteufel haben das Bezugsystem beschrieben, anhand dessen die „Wohlfahrtseliten“ in den Sozialministerien Reformen mit immer geringeren Budgets vorantreiben. Im Gesundheitsbereich werden die staatlichen sozialpolitischen Maßnahmen für sozialbedürftige Menschen vom ehrenamtlichen Sektor unterschiedlich stark beeinflusst oder umgesetzt. Vor Ort werden diese Maßnahmen in den Einrichtungen der Gesundheitsversorgung und an den Schaltstellen der Gesundheitsverwaltung neu interpretiert und adaptiert: Angestellte der Administration sowie Pflege- und Gesundheitspersonal sitzen zwischen den Verwaltungsstellen und den Arbeitsorganisation. Sie vertreten jeweils Überzeugungen, was den Zugang zur medizinischen Versorgung anbelangt. In diesem Panel möchten wir die verschiedenen Verständnisebenen des Sozialstaats hinterfragen, die die politischen Entscheidungsprozesse zur Sicherung des Zugangs zur Gesundheitsversorgung für sozial benachteiligte Bevölkerungsgruppen charakterisieren. Panel #3 Behandlung der Prekarität Die spezifische Problembehandlung im Gesundheitsbereich, die von sozialer, ökonomischer oder administrativer Prekarität geprägt ist, hat sich seit den 1980ern weitgehend entwickelt. Zwei Arten von Akteuren haben eine wichtige Rolle in der Gestaltung dieses sozialen Raums gespielt: der humanitäre und ehrenamtliche Sektor im Gesundheitsbereich einerseits und ein Teil des medizinischen Umfelds andererseits. Dazu gehört insbesondere das Krankenhaus, dessen Aktivitäten sich Schritt für Schritt in der Behandlung prekärer Bevölkerungsgruppen spezialisiert haben (Infektionskrankheiten wie HIV/AIDS, Tuberkulose, PASS in Frankreich). In diesem Panel werden wir unter anderem die verschiedenen, angenommenen Bedeutungen und gesellschaftlichen Vorstellungen untersuchen und wie diese im öffentlichen oder ehrenamtlichen Raum wirken.
Programm
Begrüßung und Kaffee (8:30-9:00) Einführung (9:00-9:15): Catherine Goussef (Direktorin des Centre Marc Bloch) Keynote: Migrant Precarity and Healthcare Access: Comparative Lessons from Ethnographic Scholarship (9:15-10:15) Heide Castañeda, Associate Professor, and Graduate Director at the University of South California Moderation: Marjorie Gerbier-Aublanc, Centre Population et Développement, Université Paris Descartes. Pause: 10:15-15:30 Panel 1 – Soziale Ungleichheiten im Gesundheitswesen und der Epidemiologie (10:30-12:45) Healthcare Services for Refugees: Intrinsic Inequalities. Peter Tinnemann, MPH (Akademie für öffentliches Gesundheitswesen, Düsseldorf / Charité – Universitätsmedizin Berlin, Institut für soziale Medizin, Epidemiologie und Gesundheitsökonomie) Zugang zu HIV-Prävention und HIV/STI-Testung. Ergebnisse einer partizipativen Studie zu sexueller Gesundheit mit Migrant*innen aus Subsahara Afrika. Claudia Santos Hövener, Abt. für Infektionsepidemiologie, Robert-Koch-Institut, Berlin Die Zusammenhänge zwischen Gesundheit und Armut im Gesundheitswesen am Beispiel der Gesundheitsversorgung von Migranten. Pierre Chauvin, Arzt, Epidemiolo-ge, Forschungsdirektor beim INSERM, Leiter der Sozialepidemio-logie Forschungsteam, Pierre Louis Institut für Epidemiologie und public health — Inserm – Sorbonne Universités UPMC). Moderation: Ulrike Zeigermann, Centre Marc Bloch und Münster Universität. Mittagspause : 12:45-13h30 Panel 2 – Gesundheitssysteme und politische Entscheidungen — Auswirkungen auf die Zugänglichkeit für prekäre Personen (13:30-15:00) Sozial benachteiligte Menschen pflegen, illegale Einwanderer ausschießen — widersprüchliche Ansätze bei der Schaffung einer universellen Krankheitsversorgung (1988-1993). Caroline Izambert, Doktorandin am Centre de recherche historique, EHESS, Paris. Krankenkassen: Die Bearbeitung von Anträgen der ‚Aide médicale d’Etat‘ (Staatliche Gesundheitsversorgung) in Zeiten des New Public Management. Céline Gabarro, Doktorandin an der URMIS, Université Paris Diderot, ATER Regards in der Reims Champagne-Ardenne Universität. Moderation: Bénédicte Laumond, Cesdip, Paris, Centre Marc Bloch Berlin. Pause: 15:00-15:15 Panel 3 – Behandlung der Prekarität (15:00-17:30) Krankheitsinteresse und sozialer Wert der Kranken: zur Tuberkulose in klinischen Räumen in Frankreich und Deutschland. Janina Kehr, Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Centre for Medical Humanities, Universität Zürich. Die Behandlung von HIV positiven Immigrant*innen in Frankreich: eine kooperative Arbeit von Patient*innen Krankenhäusern und Vereinigungen. Marjorie Gerbier-Aublanc, Doktorandin am Centre Population et Développement, Université Paris Descartes. Krank und ohne Papiere — Gesundheitsversorgung zwischen prekärem Zugang und ehrenamtlichen Engagement. Insa Breyer, Leiterin Viadrina Center for Graduate Studies, Europa-Universität Viadrina. Discutant : Irina Mützelburg, Centre Marc Bloch / CERI, Paris. Zusammenfassung (17:30-17:45): Fabien Jobard (Cesdip, Paris / Centre Marc Bloch Berlin) und Jérémy Geeraert (IRIS, Paris / Centre Marc Bloch, Berlin).