Lived contested and adapted modernities: Re-evaluating Bauhaus 100 years after
15.05.2019 – 16.05.2019
10:30
Tagung in Jerusalem/Tel Aviv : Lived, Contested an Adapted Modernities. Re-evaluating Bauhaus 100 years after Kooperation zwischen dem Centre Marc Bloch und der Buber society of fellows Jerusalem mit der Unterstützung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung. KONZEPTION 100 Jahre Bauhaus – das Jubiläum 2019 ist, unter dem Eindruck der letzten Drehungen der Postmoderne und der sich abzeichnenden Kulturkämpfe in Europa, Anlass nach der Politik einer gegenwärtigen und sozialen Moderne zu fragen. Im Zeichen einer Renaissance völkischen Denkens und einer wachsenden Bedrohung der demokratischen Verfassung des Westens ist die von den Akteuren des Bauhauses gestellte Aufgabe der Weltgestaltung aktuell wie kaum zuvor. – Auch wenn sie in ihrem universalistischen Geltungsanspruch problematisch geworden ist und nicht mehr ungebrochen als Maßstab aufgerufen werden kann. Als eine Schule für Gestaltung, die radikal mit dem idealistische Erbe und Vorstellungen des Kunstschönen brach, ist das Bauhaus nicht nur ein prominenter Formationsort modernen Denkens, sondern vertritt exemplarisch dessen Anspruch auf eine umfassende Gestaltung von Gesellschaft und auf eine soziale Emanzipation des Menschen in dieser. Gerade auch mit den Mitteln der Architektur. Als Weltgestaltung sind deren Entwürfe mehr als die Lösung von Bauaufgaben; Architektur ist als solche auch eine philosophische Praxis und ein politisches Engagement. – Wie kann sie, unter Rückbezug auf historische Grundlagen, heute als eine Gestaltung von Gesellschaften betrieben werden, die – wie in Europa – auf tiefgreifende soziale Herausforderungen und identitäre Verunsicherungen mit der Mobilisierung eines Konzepts von „Heimat“ antworten? Von Gesellschaften, die – etwa im Nahen Osten oder in Afrika – nach neuen Wegen urbaner Planung, lokaler Ökonomie und der Bildung von Gemeinschaft suchen, nach Formen, in denen ein besseres Leben möglich scheint und ein Zukunftshorizont ohne Migration erschlossen werden kann. Neben Weimar und Dessau kann Tel Aviv als emblematischer Ort des Bauhauses gelten. Die Migration jüdischer Deutscher nach Palästina machte die Stadt in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts zu einem Zentrum des neuen Bauens. Vier bedeutende israelische Architekten– Arieh Sharon, Shmuel Mestechkin, Munio Gitai-Weinraub und Shlomo Bernstein – hatten am Bauhaus studiert. Insgesamt gingen 25 Bauhäusler in den dreißiger Jahren nach Palästina oder hatten schon vor ihrem Studium als zionistische Aktivisten im britischen Mandatsgebiet gelebt. Das neue Bauen fand in Palästina seinen Ort und wurde dort mit lokalen Voraussetzung konfrontiert, durch kulturelle Spezifik herausgefordert. Während es in Europa völkischen Verwurzelungsphantasien und neuklassischer Monumentalität weichen musste, wurde es in Palästina zum Ausdruck der frühen zionistisch-sozialistischen Erwartungen einer neuen Welt. Die Geschichte des Bauhauses ist auch eine Geschichte der Vertreibung und der sozialen Utopie. Nach der Befreiung Deutschlands 1945 ist sie die Geschichte einer gebrochenen Wiederaufnahme: in der Bundesrepublik etwa mit der Ulmer Hochschule für Gestaltung, in der DDR mit der Arbeit des Bauhausschülers Franz Ehrlich. In Israel wird dieses Erbe bis heute mit der Siedlungspolitik und dem Ringen um eine Zweistaatenlösung konfrontiert. In diesem geopolitischen Rahmen stellt sich zugleich die Frage nach dem Umgang mit dem Bauerbe in Tel Aviv und nach seiner Positionierung in den Gesellschaftsdebatten der Gegenwart. In Berlin – der letzten Station des Bauhauses in Deutschland – und in Jerusalem / Tel Aviv soll der Weltbezug der Moderne diskutiert werden: Zum einen in einer historischen Perspektive mit Blick auf deren universalen Geltungsanspruch, der die europäische Norm zum Maßstab eines kolonialen Weltentwurfs werden ließ. Zum anderen in einer gegenwärtigen Perspektive, die nach der Kritik der postcolonial studies eine neue Aktualität der Moderne thematisiert. Ist deren Gegenwärtigkeit, nach der Kritik des Logozentrismus und der Pluralisierung im Konzept der multiple modernities, nicht insbesondere die einer architektonischenWeltgestaltung? Wie kann diese nach der Kritik des europäischen Universalismus, dessen Geltungsanspruch nicht nur politisch und epistemisch, sondern auch architektonisch zusammengebrochen ist, in lokalen Maßstäben und bezogen auf die Erfahrungs- und Lebenswelt von Menschen neu entwickelt werden? Hat eine neue Universalität, mit der auf einen zynisch gewordenen Kulturrelativismus zu antworten wäre, ihren Ort nachgerade im Feld von Architektur und Stadtplanung? Und wie wird sie in diesen ausbuchstabiert?