„Le regard de l’Autre – Durkheim en Allemagne“

20.06.2014
8:00

Das Feld der klassischen Soziologie entwickelt sich in Europa während des Zeitraums zwischen dem Ende des deutsch‐französischen Krieges und dem Anfang des Ersten Weltkrieges. Die Kanonisierung des Faches, die in Frankreich und Deutschland fortschreitet, indem sie unterschiedliche politische und kulturelle Wege verfolgt, ist von den politischen Ereignissen untrennbar, die zu der Zeit die unterschiedlichen europäischen Narrationen und Rhetoriken gestalten. Sie lassen sich anhand der folgenden Zusammenhänge symbolisch darstellen: ‒ Die Verherrlichung des anderen in der Folge des Friedenabschlusses von 1871. Man denke an die Bedeutung der „deutschen Kultur“, der „deutschen Sache“ für die französischen Eliten während der Dritten Republik, wie sie im klassischen Text von Claude Digeon „La crise allemande de la pensée française“ beschrieben wird. ‒ Ein Zeitalter der Missverständnisse und der disziplinären Spannungen, gleichzeitig aber eine Zeit des regen Austauschs soziologischen Wissens in Europa dank einer intensiven Tätigkeit, die sich um Zeitschriften und internationalen Kongressen entfaltet sowie im persönlichen Austausch der Akteure verfolgt wird. ‒ Die Stigmatisierung des anderen, die in den Stellungnahmen der Soziologen während des Ersten Weltkrieges auftauchen (die berühmtesten Beispiele stellen die dem Krieg gewidmeten Texte von Durkheim und Simmel dar). Dieser Abschnitt der Geschichte der Soziologie ist oft durch verfehlte Begegnungen und durch eine eingeschränkte Rezeption der soziologischen Kultur des anderen charakterisiert. Man kann diesbezüglich an das „betäubende Schweigen“ über das soziologische OEuvre Max Webers in Frankreich denken, oder an den Umstand, dass man in Deutschland bis in die 1960er‐Jahre hinein auf die ersten Durkheim Übersetzungen warten musste. Trotzdem ist dieses Zeitalter paradigmatisch, weil es sich sowohl durch eine tatsächliche Zirkulation des Wissens als auch durch ein Bedürfnis nach disziplinärer Festlegung und Einordnung in einer konstitutiven Spannungsbeziehung mit dem intellektuellen Raum des anderen auszeichnet. Die Befruchtung sowie der Kontrast, die man in der Rezeption des soziologischen Diskurses Durkheims bei Ferdinand Tönnies und bei Georg Simmel vernehmen kann, können folglich als Indikatoren dieser Spannung gelesen werden.  Obwohl die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg durch eine gegenseitige Distanzierung und eine Differenzierung der Fachsprachen gezeichnet ist, vertreten bedeutende Figuren wie Karl Mannheim und Norbert Elias in gewisser Hinsicht die aktive Gegenwart der soziologischen Kultur Frankreichs in Deutschland.  Nach dem Zweiten Weltkrieg liegt Europa inmitten eines materiellen und kulturellen Trümmerhaufen. Der Krieg hat eine Glaubwürdigkeitskrise der Gesellschafts‐ und Politikwissenschaften verursacht. Das disziplinäre Feld ist stark fragmentiert und begibt sich auf die Suche nach seiner durch die Schlagkraft des Nationalismus verloren gegangenen Einheit. Es ist zu der Zeit, dass die Soziologie auf Europas intellektueller Szene einen erneuten Durchbruch dank einer Operation erzielt, die ihr gesamtes disziplinäres Feld in Anspruch nimmt, indem sie in der amerikanischen Kultur Wurzeln schlägt und ihren intellektuellen Vater in der Person von Talcott Parsons findet. Parsons Unterfangen vereinigt in demselben Kanon die Beiträge der soziologischen Gründervater Durkheim und Weber. Die Wirkung dieser Operation auf die nationalen Kontexte ist sehr relevant. Durch diese zweifache Kanonisierung des Faches bewirk er einerseits eine Aufwertung der nationalen Kontexte, andererseits schlägt er aber ein einheitliches Modell vor, das auf der rein theoretischen Integration der französischen mit der deutschen Soziologie gründet. Es ist insbesondere die in der Structure of Social Action postulierte Integration der “positivistischen“ mit der „idealistischen Tradition“, die von nun an den wissenschaftlichen Bereich der Soziologie definiert. Hatten Durkheim und Weber ihr Werk anscheinend ohne eine tiefgehende Erkenntnis des Denken des anderen entwickelt, wird ihre Vereinigung trotzdem ausschlaggebend, um das Bildungsgut der europäischen Sozialwissenschaften zusammenzutragen, das sich vornimmt, die Trennung der Kriegszeit zu überwinden. Wenn sich vor dem Ersten Weltkrieg das wissenschaftliche Feld der klassischen Soziologie durch Spannungen und eine relative Ahnungslosigkeit gegenüber der anderen soziologischen Tradition auszeichnet, entwickelt sich das soziologische Feld nach dem Zweiten Weltkrieg dank der gegenseitigen Kanonisierung, wodurch der andere zu einem strukturierenden Element des eigenen Diskurses wird. Der Gegensatz zwischen der deutschen und der französischen Soziologie scheint sich nunmehr eher in der Form einer Ambivalenz als in der einer Spannung zu entwickeln. Einmal die großen Hoffnungen einer durch den Strukturfunktionalismus geförderten metatheoretischen Synthese aufgegeben, die für die historische Verankerung und die politische Kontextualisierung der Theorie wenig Interesse hatte, scheint uns heute das Bedürfnis akut, die historischen und politischen Gründe dieses gegenseitigen Kanonisierungsprozesses der deutsch‐französischen Soziologie zu hinterfragen. Zu Ersten ist seit mehreren Jahren ein kritischer Prozess der erneuerten Aneignung im Gange. Was den Bereich der Durkheim‐Studien angeht, denken wir bspw. an die Bedeutung der kritischen Rezeption der politischen Dimension von Durkheims Reflexion seit den 1908er‐ Jahren (durch Hans‐Peter Müller), an seinen Einfluss innerhalb der Systemtheorie von Niklas Luhmann, an seine Bedeutung im Bereich der Kritischen Theorie (bei Jürgen Habermas aber auch bei Axel Honneth und Hans Joas), oder auch an den Umstand, dass in Deutschland der erste Sammelband mit kritischen Studien über Durkheim erst 2013 von Tanja Bogusz und Heike Delitz herausgegeben wurde. Zum Zweiten, ist mutatis mutandis die politische Spannung, die wir heute erleben, dieselbe, in der sich die klassische Soziologie entwickelt hat und die ohne Bezug auf die Krise des Liberalismus vor dem Ersten Weltkrieg und ohne eine Einordnung der soziologischen Kritik der politischen Ökonomie nicht zu verstehen ist. Ziel der zwei Workshops ist es, die Modalitäten und die Phasen der Aneignung der soziologischen Tradition des anderen innerhalb ihrer historischen Reihenfolge von 1870 bis heute zu beleuchten. Diesbezüglich haben die Rezeption Durkheims in Deutschland und die Webers in Frankreich exemplarischen Charakter, um die Beziehungen zwischen diesen zwei Kontexten der europäischen Soziologie zu rekonstruieren und einen neuen Blick auf die konkreten Modalitäten ihrer gegenseitigen Kanonisierung zu werfen.

Programm

Vormittagsprogramm (Salle Georg Simmel) 10h00 ‐ 10h15 : Gregor Fitzi et Nicola Marcucci : Eröffnung und Vorstelung des Workshops Durkheim: ein deutscher Klassiker? 10h15 – 11h15 : Nicola Marcucci (EHESS‐LIER, Centre Marc Bloch): Tönnies et Durkheim : signification théorique et effets politiques d’un accord divergent. 11h15 ‐ 11h30 Kaffeepause 11h30 ‐ 12h30 : Gregor Fitzi (Potsdam): Simmel et Durkheim : l’impossibilité d’un dialogue 12h30 – 13h30 : Jean Terrier (Westfälische Wilhelm Universität Munster): Norbert Elias et Emile Durkheim: entre réception minimale et proximité Nachmittagsprogramm (Salle Georg Simmel) Durkheim in Deutschland: zwischen Systemtheorie, Religion et Politik 16h00 ‐ 17h00 : Eva Debray (Université Paris‐Ouest, CMB): Durkheim et Luhmann : l’individu et la différenciation fonctionnelle des sociétés modernes 17h00 ‐ 17h15 : Kaffeepause 17h15 ‐ 18h15 : Francesco Callegaro (EHESS‐LIER): La mise en langage du sacré. Durkheim, Habermas et les fondements de l’ordre moderne 18h15 – 19h15 : Hans-Peter Müller (SOWI-Humboldt Universität): Politique(s) de Durkheim