Seit über einem Jahrzehnt leben wir in einer sich wiederholenden Schleife einander überlagernder globaler Herausforderungen: die Finanzkrise von 2007, die sogenannte „Migrationskrise“, der Klimawandel, die Corona-Pandemie und zuletzt die russische Invasion in der Ukraine sind nur einige der medial am stärksten präsenten Beispiele. Dieser Kontext multipler Krisen auf globaler Ebene wirkt sich auf unterschiedliche Weise auf lokale Realitäten aus. Er kann als permanente Bedrohung wahrgenommen werden, die sofortiges institutionelles Handeln erfordert, aber auch als Chance für sozialen Wandel und Emanzipation in Form sozialer Bewegungen und deliberativer öffentlicher Debatten. Da der eigentliche Moment der Krise typischerweise undefiniert ist und von Diskontinuität, Unsicherheiten und Orientierungsverlust geprägt ist, treten in Krisenzeiten verschiedene Akteur:innen auf die Bühne, um die wahrgenommene Unordnung zu verstehen, neu zu definieren und gemeinsam zu überwinden. Erzählungen über die Vergangenheit und die erhoffte Zukunft entstehen und entwickeln sich in diesem Prozess der Sinnstiftung. Wir vertreten die These, dass soziale Imaginationen in diesem Deutungskampf eine wichtige Rolle spielen, den der Soziologe Todd Nicholas Fuist als „geteilte Bilder und Archetypen einer Gruppe von Menschen, die es ihnen ermöglichen, kollektiv zu denken“ bezeichnet (2021: 358). Dieser Ansatz lenkt die Aufmerksamkeit auf zirkulierende Symbole und Slogans, Erinnerungen und Träume innerhalb einer Gesellschaft und darauf, grenzüberschreitend geteilte Konzepte zu identifizieren. Diese Konferenz bringt 13 junge Nachwuchswissenschaftler:innen der Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften zusammen, die das Konzept der „sozialen Imagination“ in konkreten Analysen von Krisenphänomenen in verschiedenen Weltregionen anwenden. Ihre auf Englisch, Deutsch und Französisch vorgetragenen Arbeiten beleuchten soziale Praktiken und mediale Repräsentationen, Netzwerke und Kunst, die Erzählungen von Identität, Dystopie, Hoffnung oder Gerechtigkeit prägen – in Europa, Afrika und darüber hinaus.
Programm
Mercredi 12 octobre 13.00 -14.30 Accueil, mots de bienvenue et introduction Opening remarks by Maïwenn Roudaut, Centre Marc Bloch Katrin Herms: Why study social imaginaries in times of crises? 14.30 – 16.00 Media representations and stereotypes Henning Fauser: Approches méthodologiques pour étudier l’imaginaire collectif Ebrottié Vincent N’ZO: Die deutsche Presse und der afrikanische Migrant: welche Darstellung? Am Beispiel des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“ Chair: Marieke Louis 16.30 – 18.00 Everyday crisis narratives Sylvestre Kouakou: Afrikavorstellungen von ausgewählten Afrikakorrespondenten deutschsprachiger Medien und Literatur Jérémie Thérond: Subjectivités, relations amoureuses et incertitude ontologique : l’idéalisation paradoxale des aînés chez des jeunes femmes à Lomé (Togo) Chair : Amadou Dramé 18.30 – 20.00 Keynote Eva Illouz: What’s Crisis : Preliminary reflections on Love Jeudi 13 octobre 09.30 – 11.00 Identity and mobilization Rahmi Oruç: Association and dissociation of Self in Generation Z Crisis Narratives in Turkey Yvan Issekin : Revendiquer sa carte nationale d’identité sans descendre dans les rues : les trajectoires du mouvement #JeVeuxMaCNI au Cameroun (2020-2022) (online) Chair : Nazan Maksudyan 11.30 – 13.00 Dystopia and social media Dusan Bozalka : Etude des écosystèmes complotistes actifs sur Twitter et Telegram à l’aune de la guerre Russo-Ukrainienne Oleksandra Kuzmenko : Zwischen post-nuklearem Spiel und Atomkriegsbedrohung: der post-apokalyptische Diskurs in Ukranischen Medien Chair: Camille Roth 14.00 – 15.30 Politics, State and Economy llias Naji : La crise de la protection : des produits d’imaginaires politico-financiers Timm Graßmann : Wozu erforschen wir Krisen ? Am Beispiel Marx. Buchpräsentation zu Der Eklat aller Widersprüche Chair : Fabian Lemmes 17.30 – 19.00 Round Table Public Health and Climate Change Table ronde en coopération avec le projet de recherche „Multiple Crises : Covid-19 and the Entanglements of Public Health, Security and Ecology in Europe“ The role of imaginaries in coping with multiple crises Vendredi 14 octobre 09.30 – 11:00 Migration, mobility, spaces Paula Seidel: Die Imagination einer jugoslawischen Nation: Zukunftsentwürfe Intellektueller in London während des Ersten Weltkrieges Alica Vogt: Des opérateurs culturels dans la « crise migratoire » : s’engager pour vivre ensemble. L’orchestre du projet Migrants Music Manifesto (Europe créative) à Cologne en septembre 2022 Chair : Nikola Tietze (online) 11.30 – 13.00 Cultural imaginaries and their political potential Britta Breser: Krisengeschichten der Kunst als Orte demokratischer Bildung Alexandre Navarro (UNESCO): Réseau-monde : une transformation des coopérations culturelles Est-Ouest (online) Chair : Boris Grésillon 14.00 – 15.00 Mots de fin