Traditionen des Antimilitarismus in ihrer Aktualität

17.09.2026 – 18.09.2026
10:00 – 18:30

Centre Marc Bloch, Georg Simmel Saal & online

Sprache: DE / FR

Zur Anmeldung

In Deutschland ebenso wie in Frankreich und auf der Ebene der Europäischen Union lässt sich eine zunehmende Mobilisierung der Verteidigungsapparate, der finanziellen Investitionen in die Rüstungsindustrie sowie jener politischen Bestrebungen beobachten, die die militärischen Institutionen wieder ins Zentrum der Gesellschaften rücken. Diese Entwicklungen vollziehen sich in einem geopolitischen Kontext, der durch multiple Kriege geprägt ist, insbesondere durch die groß angelegte Invasion der Ukraine auf europäischem Boden sowie durch eine Eskalation schwerwiegender Verletzungen des Völkerrechts, insbesondere durch den Genozid in Gaza.

Parallel dazu verstärken sich auch die Widerstände gegen die europäischen Remilitarisierungsprogramme. Diese werden maßgeblich von sozialen Bewegungen sowie von zivilgesellschaftlichen und aktivistischen Initiativen getragen, die von Streiks der Hafen- und Flughafenarbeiter:innen über Schulstreiks in Deutschland bis hin zu Praktiken des zivilen Ungehorsams, des Boykotts und der Sabotage reichen. Ebenso wird die zunehmende Vermischung von ziviler und militärischer Forschung sowie die damit verbundenen Entwicklungen kritisch thematisiert.

Um diese gegenwärtigen Phänomene historisch einzuordnen, untersucht das Kolloquium kritische Wissensbestände, die aus den europäischen politischen und intellektuellen „antimilitaristischen“ Traditionen hervorgegangen sind – von ihrer Entstehung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bis zum Ende des 20. Jahrhunderts. Dabei werden unter anderem die internationalistischen Mobilisierungen von 1914-1918, die Frauenfriedensbewegungen der 1980er Jahre sowie die antiimperialistischen Kämpfe und die Dekolonisierungskriege in den Blick genommen. Im Einklang mit der heterogenen Beschaffenheit antimilitaristischer Theorien und Praktiken werden die Referent:innen ausgehend von einer Pluralität disziplinärer Zugänge (Geschichte, Soziologie, Politikwissenschaft, Philosophie und Kritische Theorie) neue Lektüren vergangener Kämpfe. Dabei bleibt es jeweils ausschlaggebend, das Vergangene mit den Koordinaten der Gegenwart in Beziehung zu setzen. Das Kolloquium sollte daher auch Einblick in die heutigen antimilitaristischen Debatten gewähren, beispielsweise in die Reaktivierung von Mobilisierungsmechanismen der Bevölkerung (freiwillige nationale Dienste, Reservepolitiken), die Zusammenhänge zwischen Militarismus und Imperialismus, zwischen Militarismus und der gegenwärtigen Polykrise sowie dem neoliberalen Kapitalismus, die Unterschiede zwischen Antimilitarismus und Pazifismus, die komplexen Verhältnisse zwischen militärischer Unterstützung für ein angegriffenes Volk und der Kritik an Dynamiken kriegerischer Eskalation auf internationaler Ebene und über gegenwärtige Formen transnationaler Solidarität.

Das Ziel dieses Kolloquiums liegt somit in einer Arbeit an der Herstellung von Erbe und Vermächtnis: Zum einen geht es darum, den gegenwärtigen Militarisierungsprozessen und antimilitaristischen Bewegungen ihre historische Tiefenschärfe zurückzugeben, indem die historischen Schichten, Genealogien, Brüche und Kontinuitäten, Nachwirkungen und Wiederkehrerscheinungen untersucht werden, die sie konstituieren; zum anderen darum, die Bedingungen der Aktualisierung antimilitaristischer Traditionen sowie die kritische Kraft der „unabgeschlossenen Vergangenheiten“ zu reflektieren, die ihre Geschichte durchziehen.

 

Organisiert von Deborah V. Brosteaux, Simone Buzzi und Nikita Zagvozdkin.

Organisiert vom Marc Bloch Zentrum in Zusammenarbeit mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung und dem Centre de Recherche sur l’Expérience de Guerre (CREG, MSH-ULB)

Das Kolloquium findet in deutscher und französischer Sprache statt. Eine Übersetzung der Beiträge wird organisiert.

Photograph by Raissa Page „Greenham: Dancing on the silos at dawn. New Year’s Day 1 Jan 1983. Silos contain American cruise missiles [Ref: DC3/14/1/67]“. Protected by copyright. Not to be reproduced without permission, please contact Richard Burton Archives.”

 

 

Programm

Programm als PDF

 

17 septembre / 17. September

10:00–10:30 | Tagungseröffnung / Ouverture du colloque

[FR/DE] Déborah V. Brosteaux (CMB / CREG), Simone Buzzi (CMB / Université de Lausanne), Nikita Zagvozdkin (Universität Wuppertal)

 

10:30–13:00 | Panel 1

Geburt des Antimilitarismus aus dem Geiste des modernen Krieges und konzeptuelle Wege zu seiner Rekonstruktion heute
Naissance de l’antimilitarisme sous le signe de la guerre moderne, approches conceptuelles de ses recompositions contemporaines

Modération : Jonas Nickel (CMB / EHESS / Humboldt-Universität zu Berlin)

10:30–11:15

1. Comment « lutter contre la guerre » ? Antimilitarisme anarchiste et antimilitarisme socialiste dans les écrits politiques de Walter Benjamin et Ernst Bloch (1918–1921)
(Wie den Krieg bekämpfen? Anarchistischer und sozialistischer Antimilitarismus in den politischen Schriften Walter Benjamins und Ernst Blochs, 1918–1921)

Simone Buzzi
CMB / Université de Lausanne

11:15–11:30 | Pause

11:30–12:15

2. Dschungelwelt einst und heute: Die erstaunlichen Parallelen der Welt von heute und vor 1914 im Lichte der Theoriebildung der historischen internationalen Arbeiterbewegung
(Étonnants parallèles entre le monde d’aujourd’hui et celui d’avant 1914, à la lumière des théories développées par l’internationalisme ouvrier)

Ingar Solty
Referent für Friedens- und Sicherheitspolitik am Institut für Gesellschaftsanalyse der Rosa-Luxemburg-Stiftung

12:15–13:00

3. Itinéraire d’un pacifiste : Antoine Richard (1890–1947)
(Der Weg eines Pazifisten: Antoine Richard, 1890–1947)

Denis Thouard
Directeur de recherche au CNRS / Centre Georg Simmel (EHESS) / CMB

 

13:00–14:30 | Déjeuner / Mittagessen

 

14:30–18:00 | Panel 2

L’antimilitarisme comme mouvement de résistance à l’aube du « long XXe siècle »
Antimilitarismus als Widerstandsbewegung bei Anbruch des „langen 20. Jahrhunderts“

Modération : Marianne Adam (CMB / Université de Tours)

14:30–15:15

4. Refus, désobéissance, résistance face à la guerre
(Verweigerung, Ungehorsam, Widerstand gegen den Krieg)

Stéfanie Prezioso
Université de Lausanne

15:15–16:00

5. Im Schatten des revolutionären Defätismus: Lenin und die imperialistischen Kriege von gestern und heute
(Dans l’ombre du défaitisme révolutionnaire : Lénine et les guerres impérialistes d’hier et d’aujourd’hui)

Nikita Zagvozdkin
Universität Wuppertal

16:00–16:30 | Pause

16:30–17:15

6. Les avant-gardes artistiques, la guerre et la psychanalyse : sur le radicalisme antimilitariste du début du XXe siècle et aujourd’hui
(Die künstlerische Avantgarde, Krieg und Psychoanalyse: Über den antimilitaristischen Radikalismus des frühen 20. Jahrhunderts und heute)

Yasmin Afshar
CMB / Goethe-Universität Frankfurt am Main

17:15–18:00

7. Ce que la défaite fait à la guerre : retour (critique) des soldats de la Wehrmacht sur leur captivité soixante ans plus tard
(Was eine Niederlage mit dem Krieg macht: Ein kritischer Rückblick von Wehrmachtssoldaten auf ihre Gefangenschaft sechzig Jahre später)

Fabien Théofilakis
CMB / Université Paris 1 Panthéon-Sorbonne

19:00 | Dîner / Abendessen

 


 

18 septembre / 18. September

 

9:30–13:00 | Panel 3

Cas limites : l’antimilitarisme en question
Grenzfälle: Antimilitarismus hinterfragt

Modération : Claus-Dieter König (Rosa-Luxemburg-Stiftung)

9:45–11:15

Simone Weil heute wiederlesen – in zwei Teilen:
(Relire Simone Weil aujourd’hui – en deux parties )

8. Der „kriminelle Irrtum“: Simone Weil über die Grenzen des Pazifismus (mit Blick auf den Iran-Krieg)
(L’« erreur criminelle » : Simone Weil et les limites du pacifisme – en regard de la guerre en Iran)

Samira Elyasi
Universität Wuppertal

9. Simone Weil und die „Munichois“: Antimilitaristische Überlegungen zur Analogie mit Frankreich 1938
(Simone Weil et les « Munichois » : réflexions antimilitaristes sur l’analogie française avec 1938)

Déborah V. Brosteaux
CMB / CREG – Université libre de Bruxelles

11:15–11:30 | Pause

11:30–12:15

10. Actualités et limites de l’altermondialisme ouest-européen (1990–2000). Contre-pratiques, diplomaties et frontières d’un « nouvel internationalisme »
(Aktualität und Grenzen des westeuropäischen Altermondialismus, 1990–2000: Gegenpraktiken, Diplomatie und Grenzen eines „neuen Internationalismus“)

Camille Gregoire
CREG – Université libre de Bruxelles

12:15–13:00

11. Propagande et propagation : une relecture de Gabriel Tarde face à la « préparation des esprits à la guerre »
(Propaganda und Verbreitung: Eine Neuinterpretation von Gabriel Tarde in Bezug auf die „Vorbereitung des Geistes auf den Krieg“)

Massi Angino
CREG – Université libre de Bruxelles

13:00–14:30 | Déjeuner / Mittagessen

 

14:30–18:00 | Panel 4

Échos de la guerre froide et perspectives pour l’avenir
Anklänge des Kalten Krieges und Perspektiven für die Zukunft

Modération : Tobias Wagemann (ENS-PSL / CMB)

14:30–15:15

12. L’espace public contre la guerre
(Öffentlichkeit gegen den Krieg)

Olivier Voirol
Université de Lausanne

15:15–16:00

13. Anti-Atomtod-Bewegung und wie wir heute lernen sollen, die europäische Bombe zu lieben
(Le mouvement contre la mort nucléaire, et comment nous devrions apprendre à aimer la bombe européenne)

Lukas Meisner
Herausgeber der Zeitschrift Das Argument

16:00–16:30 | Pause

16:30–17:15

14. Autonomia ’77 und Operaismus als Praxis der Verweigerung: Impulse für den Antimilitarismus der Gegenwart
(Autonomia 1977 et l’opéraïsme comme pratique de refus : sources d’inspiration pour l’antimilitarisme d’aujourd’hui)

Anna Chiara Mezzasalma
Universität Wien

17:15–17:30 | Conclusion : remarques finales et clôture du colloque / Conclusio: abschließende Bemerkungen und Abschied

[FR/DE] Déborah V. Brosteaux (CMB / CREG), Simone Buzzi (CMB / Université de Lausanne), Nikita Zagvozdkin (Universität Wuppertal)