Jan-Martin Zollitsch
VITA
Studium der Geschichte in München (BA 2013) und Berlin (MA 2020), mit Erasmus-Aufenthalten in Turin und am Londoner King’s College. Seit 2022 Arbeit an einem Dissertationsprojekt zur illegitimen, exzessiven Gewalt deutscher Soldaten im Deutsch-Französischen Krieg, zuerst auf einer DFG-finanzierten Stelle am Lehrstuhl für Europäische Geschichte des 19. Jahrhunderts (Prof. Dr. Birgit Aschmann) an der Humboldt-Universität zu Berlin im Rahmen der DFG-Forschungsgruppe „Militärische Gewaltkulturen“, anschließend als Stipendiat am Leibniz-Institut für Europäische Geschichte in Mainz.
Mutterinstitut:
HU Berlin
Forschung
Forschungsprojekt
Spätestens seit dem Buch Absolute Destruction (2005) von Isabel V. Hull steht die Frage nach dem Aufkommen einer spezifischen, Gewaltexzessen Vorschub leistenden militärischen Gewaltkultur in den deutschen Armeen im Deutsch-Französischen Krieg im Raum – einer spezifisch preußisch-deutschen Gewaltkultur mit langfristigen Folgen (Kolonialkriege, Weltkriege).
Neben der Erörterung dieser kontroversen These möchte ich einige festgefahrene Positionen in der deutschen Historiographie hinsichtlich der Bewertung des Deutsch-Französischen Krieges hinterfragen bzw. neujustieren. Der deutsche Blick auf den Krieg von 1870/71 ist Sedan- und Paris-zentriert, fokussiert er doch auf die erste Kriegsphase (bis Sedan) und nimmt die zweite Kriegsphase (nach Sedan) wenn überhaupt nur selektiv, mit Fokus auf die deutsche Belagerung der französischen Hauptstadt, in den Blick. In meiner Arbeit interessiere ich mich hingegen für das zunehmend fragmentierte Kriegsgeschehen in der Fläche in den Monaten nach der vermeintlich vorentscheidenden Schlacht von Sedan vom 1. September 1870. Meine Leitbegriffe lauten hier „kleiner Krieg“, „Erbitterung“ und „Verwilderung“, womit ich einen emotionshistorischen Ansatz verfolge. Ein viertes Schlagwort stellt „Besatzung“ dar – eine Dimension des Krieges, die in der deutschen Historiographie meist wenig beleuchtet wird, steht doch für gewöhnlich die Annexion Elsaß-Lothringens im Vordergrund, wohingegen die Tatsache, dass weitere Teile Frankreichs noch bis September 1873 besetzt blieben, wenig bekannt ist.
Im Kern handelt es sich um eine militärgeschichtliche Arbeit, die einen emotionshistorischen Ansatz verfolgt und außerdem rechts- und geschlechtergeschichtliche Fragestellungen aufgreift. Dabei spreche ich von deutschen Armeen im Plural, um der gängigen Gleichsetzung der preußischen Armee mit dem deutschen Militär zu entgehen – vielmehr die Frage aufzuwerfen, inwieweit sich unterschiedliche Militär- und auch Gewaltkulturen auf deutscher Seite rekonstruieren lassen.
Stipendium
2025/26 Stipendiat am Leibniz-Institut für Europäische Geschichte (IEG) in Mainz (Link)
Titel der Dissertation:
Die deutschen Armeen und exzessive Gewalt im Deutsch-Französischen Krieg (1870/71)
Institution der Dissertation:
Humboldt-Universität zu Berlin
Betreuer*in
Prof. Dr. Birgit Aschmann
Publikationen
Rezension von: Dimitri Chavaroche, Corps-à-corps. Le combat rapproché pendant la Première Guerre mondiale. Éditions Passés composés: Paris 2025, auf: Francia-Recensio, 2026/3, https://doi.org/10.11588/frrec.2026.3.116737.
Rezension von: Nicola Camilleri, Una cultura delle armi. Identità maschile e società di tiro nell’Impero tedesco (1871-1914). Carocci: Roma 2024, auf: H-Soz-Kult, 08.05.2026, https://www.hsozkult.de/publicationreview/id/reb-151299.
„Das Getöse war sinnverwirrend.“ Sound- und Beschusserfahrungen im Deutsch-Französischen Krieg (1870/71), in: Martin Clauss, Gundula Gahlen und Oliver Janz (Hrsg.), Der Sound des Krieges. Belliphonie von der Antike bis zur Gegenwart. (Krieg und Konflikt, Bd. 28.) Campus: Weinheim 2025, S. 133–158. [DOI: 10.12907/978-3-593-46234-9] [E-Book im PDF-Format über die Verlagsseite zum freien Download als Open-Access-Publikation]
Religious Reorientations and the First World War: The ‘Provincialisation’ of Herrnhut and the ‘Invention’ of Schönstatt, in: Kristien Suenens, Michael Snape und Martin Baumeister (Hrsg.), Christian Churches and Postwar Society. European and North American Perspectives on the Impact of the First World War. (KADOC Studies on Religion, Culture & Society) Leuven University Press: Leuven 2025, S. 143–168. [DOI: 10.11116/9789461666604] [seit Juli 2026 auch bereitgestellt als Zweitveröffentlichung auf dem edoc-Server der HU: https://edoc.hu-berlin.de/18452/38432 bzw. DOI: 10.18452/37765]
„Der kleine Krieg ist jetzt in vollem Gange.“ Thesen für eine Neuperspektivierung des Deutsch-Französischen Krieges, in: Birgit Aschmann, Jan C. Behrends, Sönke Neitzel und Christin Pschichholz (Hrsg.), „When you catch one kill him slowly“. Militärische Gewaltkulturen von der Frühen Neuzeit bis zum Zweiten Weltkrieg. (Krieg und Konflikt, Bd. 23.) Campus: Frankfurt am Main 2024, S. 217–246. [DOI: 10.12907/978-3-593-45871-7] [E-Book im PDF-Format über die Verlagsseite zum freien Download als Open-Access-Publikation]
Der Golem, der Erdarbeiter und der Landvermesser. Literarische Figurationen von Erdbewegungen und -perspektiven im Kontext des Ersten Weltkriegs, in: KulturPoetik. Zeitschrift für kulturgeschichtliche Literaturwissenschaft Bd. 24 (2024) Heft 2 [Kafkas Provinzen], S. 230–256. [DOI: 10.13109/kult.2024.24.2.230]
Perspektiven auf Religion und Sicherheit in der Weimarer Republik. Reorientierungsversuche in der Missionsarbeit, in: Martin Platt (Hrsg.), Auf der Suche nach Sicherheit? Die Weimarer Republik zwischen Sicherheitserwartungen und Verunsicherungsgefühlen. (Weimarer Schriften zur Republik, Bd. 23.) Franz Steiner Verlag: Stuttgart 2024, S. 223–250. [DOI: 10.25162/9783515136907]
Der Krieg und ein Ordnungsversuch: Die ersten Verlustlisten 1914, in: Nina Kreibig, Thomas Macho und Moisés Prieto (Hrsg.), Ordnungen des Todes. Von Listen, Statistiken und Dunkelziffern über das Sterben und die Verstorbenen. (Tod und Agency. Interdisziplinäre Studien zum Lebensende, Bd. 1.) transcript Verlag: Bielefeld 2023, S. 195–213. [DOI: 10.14361/9783839464007-012] [seit Dez. 2024 auch bereitgestellt als Zweitveröffentlichung auf dem edoc-Server der HU: https://doi.org/10.18452/30853]
Von der Weltmission zurück in die Ortsgemeine? Probleme und Perspektiven der Brüdergemeine im Ersten Weltkrieg, in: Unitas Fratrum. Zeitschrift für Geschichte und Gegenwartsfragen der Brüdergemeine 81 (2022 [ausgegeben: 2023]), S. 355–390. [DOI: 10.71704/unfr.v81i1.106493]
‚Tod und Krise‘ im Ersten Weltkrieg, in: Anja Maria Hamann, Nina Kreibig und Katja Martin (Hrsg.), Tod und Krise. Totenfürsorge und Bestattungspraktiken im langen 19. Jahrhundert. arijeh-Verlag: Potsdam 2021, S. 222–248. [Verlagsinfo und Leseprobe]
Tra Mussolini e Hitler. Le ambivalenze del Widerstand nei casi di Franz Lipp e Werner von der Schulenburg, in: Federico Trocini (Hrsg.), Tedeschi contro Hitler? La società tedesca tra nazionalsocialismo e Widerstand. Rubbettino Editore: Soveria Mannelli 2021, S. 49–63. [Verlagsinfo]
Nixon auf Guam: Versuch einer Darstellung der außenpolitischen Neuausrichtung des 37. Präsidenten der Vereinigten Staaten in „Inselsprüngen“, in: Die junge Mommsen 1 (2019), S. 288–318. [DOI: 10.18452/20173]
Guam als Archipel? Einführung in die Island Studies, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 32–33/2018 (06.08.2018), S. 41–46. [Online-Fassung] [ganzes Heft]