Dr. Mahaut Ritz
VITA
Mahaut Ritz ist Doktorin der Philosophie und assoziierte Forscherin am Centre Marc Bloch seit 2018, wo sie Mitglied des interdisziplinären Forschungsschwerpunkts „Die Kunst der Kritik“ ist.
Sie promovierte in Philosophie zwischen 2013 und 2018 im Rahmen einer Cotutelle zwischen der Université Grenoble Alpes und der Humboldt-Universität zu Berlin unter der Leitung von Prof. Dr. Eric Dufour und Prof. Dr. Rahel Jaeggi.
An der Schnittstelle zwischen Sozialphilosophie und Epistemologie der Sozialwissenschaften befasste sich ihre Dissertation mit der soziologischen Kategorie und dem kritischen Begriff der « précarité ». Ihre Dissertation ist im Januar 2025 unter dem Titel „Repenser la précarité : de la flexibilité à la dépossession“ erschienen.
Neben ihrer Forschungsarbeit arbeitet sie als Redakteurin, Lektorin und Übersetzerin. Sie war zwischen April 2022 und April 2026 Mitglied des Redaktionskomitees der Zeitschrift der deutsch-französischen Nachwuchsforschung Trajectoires (Ciera).
Forschung
Forschungsthemen
(1) (Kunst und Forschung) Lebensformen angesichts der Archivbestände zu Grisélidis Réal und ihres Werks (siehe das Forschungsprojekt)
(2) (Sozialphilosophie, kritische Theorie, Soziologie der Arbeit, gender studies) Arbeit, gesellschaftliche Nüztlichkeit (Systemrelevanz), Prekarität, Marginalität
(3) (Ethnographilosophie, Aktionsforschung) Arbeit, Kollektive, Prekarität, Kooperation, Solidarität
Forschungsprojekt
Titel: Darstellungen des prekären Lebens bei Grisélidis Réal in Schrift und Ton: Lebensformen und Wahrnehmbarkeit in den literarischen und Aktivismusarchiven der ‘marges’
Schlüsselwörter: Lebensform, Prekarität, marginalité, marge, Minderheiten, Prostitution, Gender, Erzählung, Diskurs, semantische Konflikte, Kritik, Materialität, Atmosphäre, Wahrnehmbarkeit, Emanzipation
Fachbereiche: Philosophie, Soziologie, Geschichte, gender studies, Literaturwissenschaft, Linguistik, Kunst
Die Schweizer « Schriftstellerin – Malerin – Prostituierte », Aktivistin und Archivarin Grisélidis Réal (1929-2005) stellt in der Gesamtheit ihres literarischen Werks und in ihren zahlreichen Interviews ihre Arbeit und den von ihr vertretenen Ethos der Prostituierten vor und immer wieder auch « ihre Brüder und Schwestern der marges », die an den Rändern der Gesellschaft leben. Die Besonderheit bei Grisélidis Réal liegt darin, dass sie die Kulisse schafft – in visueller, olfaktorischer und klanglicher Hinsicht –, in der sich die Szenen ihres Lebens und des Lebens an den marges in Westdeutschland Anfang der 1960er Jahre, im Paris der 1970er Jahre und in den Pâquis von Genf, dem Viertel, in dem sie lange Zeit gelebt hat, abspielen. Auf diese Weise macht sie die Atmosphäre eines Milieus zugänglich mit all seinen lokalen Geschichten, Verbundenheiten und Lebensformen an der Schnittstelle zwischen Machtverhältnissen und emanzipatorischen Praktiken und versucht, diese in ihrer ganzen Bedeutung in den öffentlichen Debatten wahrnehmbar zu machen.
Ausgehend von der Arbeit in den vorhandenen Archiven zu den privaten, literarischen, künstlerischen und aktivistischen Aspekten im Leben von Grisélidis Réal strebt dieses Projekt eine Grundlagenforschung mit interdisziplinärem, editorischem und kulturellem Anspruch an.
Dabei wird Grisélidis Réal nicht nur als paradigmatische Referenzfigur oder Beispiel in das Feld der Geistes- und Sozialwissenschaften eingeführt, sondern als eine Chronistin ihrer Epoche und eigenständige Denkerin, die zugleich Figur und Beobachterin der marges ist, Vertreterin eines bestimmten Sozialtypus am Übergang verschiedenster Geschichten und Geschichtsschreibungen.
Dieses interdisziplinäre Forschungsprojekt verläuft entlang eines Forschungsschwerpunkts über Lebensformen und semantische Konflikte im Diskurs der marges. Dieser öffnet das Feld zu einem weiteren Forschungsprojekt entlang eines anderen Forschungsschwerpunkts über kritische Herangehensweisen in den literarischen Texten.
Stipendium
2013-2016: 3-jähriger contrat doctoral im Rahmen der Promotion mit Cotutelle-Verfahren zwischen der Université Grenoble Alpes und der Humboldt-Universität zu Berlin
2017, 2018: 4-monatiges Doktorandenstipendium vom Centre Marc Bloch
2018: Finanzielle Unterstützung der Deutsch-Französischen Hochschule (DFH) im Rahmen der Promotionsverteidigung
2019: 3-monatiges Forschungsstipendium für Postdoktoranden vom Centre Marc Bloch. Titel des Projekts: „Wie bilden sich Solidaritäten vor dem Hintergrund von Mittellosigkeit? Ethnographie von solidarischen Kollektiven der alternativen Szene Berlins“
2021: 4-monatiges Forschungsstipendium für Postdoktoranden vom Centre Marc Bloch im Rahmen einer ANR-DFG Beantragung
2024 : Finanzielle Unterstützung zur Veröffentlichung der Dissertation vom Centre Marc Bloch und dem Institut für Philosophie in Grenoble (IPhiG)/Université Grenoble Alpes
Titel der Dissertation:
Prekarität, zwischen Ideologie und Organisierung der Enteignung / La précarité, entre invention idéologique et organisation de la dépossession
Institution der Dissertation:
Université Grenoble Alpes / Humboldt-Universität zu Berlin
Betreuer*in
Éric Dufour / Rahel Jaeggi
Publikationen
Im Erscheinen (Januar 2027): Grisélidis Réal, Tanzbüchlein einer Kurtisane, aus dem Französischen von Theodora Becker und Mahaut Ritz, mit einem Nachwort der Übersetzerinnen, Berlin: Matthes & Seitz.
Im Erscheinen (2027): Hubert Thüring (Prof. Dr.), « “Je suis en état de grâce”. La subjectivité littéraire dans le réseau de la psychiatrie et de la justice administrative chez Friedrich Glauser, Carl Albert Loosli et Mariella Mehr », aus dem Deutschen (Schweiz) von Mahaut Ritz, in: Marie Guthmüller, Chiara Sartor (Hg.): Wechselverhältnis zwischen Literatur und Psychiatrie (Sammelband), Paris: Éditions Classiques Garnier.
Im Erscheinen (2027): « Colora et labora. Chronique d’une épicerie collective de Berlin-Kreuzberg », Reportage über vier Arbeitsjahre im Bioladen und Frauenkollektiv. (Aktionsforschung). In der Fertigstellung.
2025: Podcast: Episode # 58 von Radio Marc Bloch: « “Repenser la précarité”. Gespräch zwischen Mahaut Ritz und Claire Tomasella », Juni 2025 (https://cmb.hu-berlin.de/fr/presse/podcast-radio-marc-bloch/)
2025 (Januar): Repenser la précarité : entre flexibilité et dépossession, La Fresnaie-Fayel, Editions Otrante.
2024: Rezension von: Harry Braverman, Travail et capitalisme monopoliste, Paris, Les éditions sociales, 2023, dans Revue française de science politique, 2024/4, vol. 74.
2023: Le beau Théodore, « 50 000 Diebe mehr in Paris » (1830), in: Theodora Becker (2023): Dialektik der Hure. Von der « Prostitution » zur « Sex-Arbeit », Berlin: Matthes & Seitz, S. 562-568.
2019/2020: Rezensionen für Dygest.
2019: « La “précarité” au prisme de l’exclusion : un schème dépolitisant ? », Émulations. Revue de sciences sociales, n°28, « Précarité, précaires, précariat. Allers-retours internationaux », herausgegeben von Adrien Mazières-Vaysse, Giulia Mensitieri und Cyprien Tasset, S. 78-90: https://ojs.uclouvain.be/index.php/emulations/article/view/ritz
2018 : « Sur la tradition », dans Où en sommes-nous avec la théorie esthétique d’Adorno ?, dir. Christophe David et Florent Perrier, Pontcerq, 2018. Traduction collective du texte d’Adorno « Über Tradition » avec Victor Frangeul, Katia Genel, Sara Minelli, Frank Müller, Salima Naït-Ahmed, Aurélia Peyrical, Jean Tain et Antonin Wiser.