Matti Leprêtre
VITA
Matti Leprêtre ist Historiker der Wissenschafts-, Medizin- und Umweltgeschichte und Fulbright-Stipendiat an der New York University. Als Absolvent der Columbia University promovierte er an der École des hautes études en sciences sociales (EHESS) in Paris in Geschichte und Anthropologie der Wissenschaften. Er hat in Frankreich und den Vereinigten Staaten gelehrt, unter anderem an der Columbia University, Sciences Po Paris, der EHESS und der Universität Toulouse.
Seine Forschung untersucht die Geschichte von Arzneipflanzen und der Industrialisierung der pharmazeutischen Produktion an der Schnittstelle von Umwelt-, Global-, Imperial- und Wirtschaftsgeschichte. In seiner Dissertation analysierte er die Transformation der Arzneipflanzenproduktion in Deutschland zwischen 1880 und 1945 und zeigte, wie Umweltveränderungen, Industrialisierung, imperiale Konkurrenz und Krieg den Zugang zu pharmazeutischen Ressourcen veränderten. Seine aktuelle Forschung erweitert diesen Ansatz in transnationaler Perspektive und untersucht, wie die Vereinigten Staaten und europäische Mächte strategisch wichtige Arzneipflanzen zu sichern und pharmazeutische Lieferketten im Zeitalter des totalen Krieges neu zu organisieren versuchten.
Seine Forschung wurde unter anderem durch das Fulbright-Programm, den DAAD, die Fondation des Treilles und das American Institute of the History of Pharmacy gefördert. Darüber hinaus verfügt er über eine praktische Ausbildung in Botanik und Pflanzenheilkunde.
Mutterinstitut:
New York University
Forschung
Forschungsthemen
Matti Leprêtres Forschung bewegt sich an der Schnittstelle von Wissenschafts- und Medizingeschichte, Umweltgeschichte, Global- und Imperialgeschichte sowie der politischen Ökonomie der Pharmazie. Er untersucht, wie die moderne Arzneimittelproduktion von natürlichen Ressourcen, landwirtschaftlicher und extraktiver Arbeit, wissenschaftlichem Wissen und globalen Warenketten abhing.
Ein zentrales Thema seiner Forschung ist die fortdauernde Bedeutung von Arzneipflanzen für die industrielle Pharmazie. Anstatt den Aufstieg synthetischer Arzneimittel als unmittelbares Ergebnis wissenschaftlichen Fortschritts zu verstehen, untersucht er, wie Umweltzerstörung, sich wandelnde Arbeitsverhältnisse, imperiale Konkurrenz, Krieg und die gezielte Instrumentalisierung von Lieferketten den Zugang zu pharmazeutischen Ressourcen veränderten. Indem er Arzneipflanzen von Feldern und Wäldern bis in Labore und Fabriken verfolgt, rekonstruiert er die ökologischen, sozialen und geopolitischen Grundlagen der modernen Medizin.
Seine Forschung reicht von der frühneuzeitlichen medizinischen Botanik und den Schriften des Paracelsus bis zur Industrialisierung der Pharmazie im 19. und 20. Jahrhundert. Dabei verbindet er Archivrecherchen mit digitalen Methoden, insbesondere GIS und der Rekonstruktion historischer Waren- und Lieferketten. Im weiteren Sinne nutzt seine Arbeit die Geschichte der Pharmazie, um Fragen nach strategischen Ressourcen, der Resilienz von Lieferketten, pharmazeutischer Souveränität sowie dem Verhältnis zwischen wissenschaftlich-industriellem Wandel und den dafür notwendigen natürlichen Lebensgrundlagen zu untersuchen.
Forschungsprojekt
Die Neuordnung pharmazeutischer Produktion im Zeitalter des totalen Krieges: Geopolitik, Umweltwandel und euro-amerikanische Arzneimittellieferketten, 1914–1950
Im Rahmen seines Fulbright-Stipendiums an der New York University untersucht Matti Leprêtre, wie die Vereinigten Staaten zwischen 1914 und 1950 auf die Verwundbarkeit und gezielte Instrumentalisierung pharmazeutischer Lieferketten reagierten. Zu einer Zeit, in der zahlreiche lebenswichtige Arzneimittel noch von Arzneipflanzen aus globalen Handels- und Produktionsnetzwerken abhängig waren, machten zwei Weltkriege, Handelsunterbrechungen, Umweltveränderungen und geopolitische Rivalitäten den Zugang zu diesen Ressourcen zunehmend zu einer Frage der öffentlichen Gesundheit und nationalen Krisenvorsorge.
Das Projekt untersucht, wie Bundesbehörden, Wissenschaftler und Pharmaunternehmen versuchten, strategisch wichtige Pflanzenressourcen zu sichern, Produktionsstandorte zu verlagern, Liefernetzwerke neu zu organisieren und Alternativen zu importierten pflanzlichen Arzneistoffen zu entwickeln. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf New York als bedeutendem Handels-, Wissenschafts- und Logistikzentrum, das die amerikanische Arzneimittelproduktion mit globalen Märkten verband. Durch die Verbindung von Archivrecherchen mit GIS und digitalen Analysemethoden rekonstruiert das Projekt Veränderungen der Lieferwege und identifiziert Muster von Verwundbarkeit, Resilienz und strategischer Abhängigkeit.
Die amerikanische Fallstudie ist Teil eines breiter angelegten vergleichenden Projekts zur pharmazeutischen Souveränität in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Durch den Vergleich der Vereinigten Staaten mit europäischen Pharmamächten untersucht Leprêtre, weshalb verschiedene Staaten unterschiedliche Strategien zur Steuerung der Versorgung mit Arzneipflanzen entwickelten und inwiefern geopolitische und ökologische Instabilität langfristig zum Übergang von pflanzenbasierten zu synthetischen Arzneimitteln beitrug.
Titel der Dissertation:
Wie Heilpflanzen zu natürlichen Medikamenten wurden. Eine transimperiale Perspektive (deutsches, englisches, französisches Reich, 1884-1945)
Institution der Dissertation:
EHESS
Betreuer*in
Jean-Paul Gaudillière / Anne Rasmussen
Publikationen
Herausgegebene Bände und Themenhefte
Matti Leprêtre and Lucas Richert, eds., Roots and Remedies: Plant Pasts, Chemical Imaginaries, and Pharmaceutical Futures. Pittsburgh: University of Pittsburgh Press. Unter Vertrag.
Léo Bernard, Matti Leprêtre, and Céline Pessis, eds., “Santé et Nature,” special issue of Histoire, médecine et santé, no. 29 (2026).
Begutachtete Zeitschriftenaufsätze
Matti Leprêtre, “Paracelsus’ Doctrine of Signatures Reconsidered,” Journal of the History of Ideas 87, no. 2 (2026): 225–256.
Matti Leprêtre, “Paracelsus, his Herbarius, and the Relevance of Medicinal Herbs in his Medical Thought,” Daphnis. Zeitschrift für Deutsche Literatur und Kultur der Frühe Neuzeit 49, no. 3 (2021): 324–378.
Matti Leprêtre, “Traduction et (a)symétrie. Perspectives croisées entre les études postcoloniales, décoloniales, les secular studies et le tournant ontologique,” Methodos – Savoirs et Textes. Im Begutachtungsverfahren.
Beiträge in Sammelbänden
Matti Leprêtre, “Plant-Based Pharmaceuticals Beyond Alkaloids: The Industrialization of Botanical Medicines,” in The Oxford Handbook of Global Pharmacy History, ed. Lucas Richert et al. Oxford: Oxford University Press. Auf Einladung.
Matti Leprêtre, “Ginzburg postcolonial ? Une relecture du principe d’accommodation à l’heure de la provincialisation de l’Europe,” in L’historien sur le métier : conversations avec Carlo Ginzburg, ed. Étienne Anheim, Anne Ber-Schiavetta, and Martin Rueff. Paris: Verdier. Im Erscheinen.
Matti Leprêtre, “La mise en culture de l’hydrastis : un remède à la crise de l’approvisionnement pharmaceutique ?,” in La sueur et la poussière : une histoire environnementale du travail, ed. Renaud Bécot, Romain Grancher, Solène Rivoal, and Judith Rainhorn. Toulouse: Anacharsis. Im Erscheinen.
Matti Leprêtre, “The Specific Properties of Medicinal Herbs in Paracelsus’ Works,” in Paracelsus and the Forgotten Reformation, ed. Didier Kahn and Andrew Weeks. Leiden: Brill. Im Erscheinen.
Rezensionen und Forschungsnotizen
Matti Leprêtre, “La colonialité entre matérialité et ontologie. Sur Colonialité. Plaidoyer pour la précision d’un concept de Michel Cahen,” Revue d’histoire moderne & contemporaine 73, no. 2 (2026): 143–154.
Matti Leprêtre, “Mohamed Amer Meziane, Au bord des mondes. Vers une anthropologie métaphysique,” Revue d’anthropologie des connaissances 17, no. 3 (2023).
Matti Leprêtre, “Rachael Petersen et al., Thinking with Plants and Fungi,” History of Pharmacy and Pharmaceuticals. Im Erscheinen.