Moritz Gansen
VITA
Moritz Gansen ist assoziierter Forscher am Leibniz-Zentrum für Literatur- und Kulturforschung in Berlin und Doktorand am Institut für Philosophie der Technischen Universität Darmstadt sowie assoziierter Doktorand am Centre Marc Bloch. Er ist Mitbegründer des kollektiv organisierten Projektraums diffrakt | zentrum für theoretische peripherie.
[MA Philosophie, Freie Universität Berlin;
MA Critical and Creative Analysis, Goldsmiths, University of London;
BA English and American Studies, Philosophie, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg]
Mutterinstitut:
Zentrum für Literatur- und Kulturforschung, Berlin; Institut für Philosophie, Technische Universität Darmstadt
Forschung
Forschungsthemen
französische Philosophie des 20. Jahrhunderts, insbesondere Jean Wahl, Gilles Deleuze;
Übersetzungsgeschichten;
Methoden und Methodenkritiken der Philosophiegeschichtsschreibung;
Philosophie und Kollektive;
Formen des Lesens
Forschungsprojekt
Rezeptionen und Transformationen des Pragmatismus in Frankreich
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts fand ein reger transatlantischer Ideentransfer statt, in dessen Mittelpunkt in Frankreich der Streit um den angloamerikanischen Pragmatismus stand. Als Émile Durkheim im Dezember 1913 an der Pariser Sorbonne seine Vorlesung über Pragmatismus und Soziologie begann, diagnostizierte er mit Blick auf die damals noch recht junge philosophische Tendenz, die den philosophischen Gehalt einer Vorstellung von ihren praktischen Wirkungen her zu beurteilen suchte, »einen Angriff auf die Vernunft, einen regelrechten Kampf, der in voller Rüstung ausgetragen wird«. Durch ihn geriete nicht nur der traditionelle Rationalismus, sondern auch die französische Kultur und die Philosophie überhaupt unter Druck. Durkheim folgerte, dass auch diese, »wenn der Pragmatismus recht hätte«, umgestürzt werden müssten. Diese Formulierungen bezeugen die Irritation, die der Pragmatismus in einigen Sphären des europäischen Denkens auslöste. Während die einen ihn eher als eine Bedrohung sahen, erkannten wiederum andere eine Möglichkeit zur Erneuerung, zur Entwicklung eines »Bildes des Denkens«, das Subjektivitäten, die in der Welt (und nicht in einem abstrakten Raum des radikalisierten Zweifels) konstituiert werden, besser entspräche. So konstatierte etwa Gilles Deleuze mehr als ein halbes Jahrhundert später im Aufsatz über Die Überlegenheit der angloamerikanischen Literatur, dass in seiner philosophischen Sozialisierung neben Sartre »der wichtigste französische Philosoph Jean Wahl« gewesen sei;
dessen Verdienst habe unter anderem gerade darin bestanden, »uns mit dem angloamerikanischen Denken bekannt gemacht und es fertiggebracht zu haben, uns im Französischen ganz neue Dinge denken zu lassen«. Deleuze charakterisierte so einen anderen Aspekt der französischen Rezeption des Pragmatismus und des angloamerikanischen Denkens, der schon zu Beginn des Jahrhunderts etwa bei Henri Bergson und später bei Wahl oder Édouard Le Roy seine Wirkung zeigte: Man sah darin ein Potential zur Reaktivierung einer philosophischen Kreativität, die durch den als steril empfundenen universitären Diskurs eher gehemmt schien.
Das Dissertationsprojekt analysiert die Bedeutung des klassischen amerikanischen Pragmatismus und des mit ihm eng verschränkten ›radikalen Empirismus‹ in der Entwicklung der französischen Philosophie im 20. Jahrhundert. Dafür sollen die pragmatistischen Konstellationen und Rezeptionslinien, deren Rolle insbesondere im Vergleich zu denen der deutschen Philosophie bislang allzu leicht übersehen wurde, genauer untersucht werden. Auch mit Blick auf die aktuelle Renaissance des Pragmatismus in Frankreich wird so das transatlantische ›Sozialleben‹ der Ideen erforscht, das vorherrschende Narrative nationaler philosophischer Einheit provoziert und somit ad absurdum führt.
Titel der Dissertation:
Rezeptionen und Transformationen des Pragmatismus in der französischen Philosophie; Réceptions et transformations du pragmatisme dans la philosophie française; Receptions and Transformations of Pragmatism in French Philosophy
Institution der Dissertation:
Technische Universität Darmstadt
Betreuer*in
Prof. Dr. Petra Gehring
Publikationen
Herausgeberschaft:
(mit Camila de Caux, Eric Macedo) a perfect storm, online, 2021.
Artikel:
„Authorship/s“ (mit Hannah Wallenfels, Lilja Walliser), in: The Philosopher 110.4 (2022), S. 7-12.
„“To make us think, in French, things which were very new.” Jean Wahl and American Philosophy“, in: Pragmatism and Social Philosophy. American Contributions to a European Discipline, hrsg. von Michael Festl, Abingdon-on-Thames: Routledge 2021, S. 49-67.
„Everything for Everyone“ (mit Edna Bonhomme, Sara Morais dos Santos Bruss), in: Nacre Journal 4 (2020), 20-29.
„Vom Nutzen und Nachteil der Philosophiegeschichte für die Philosophie“ (mit Corinne Kaszner), in: Mitteilungen der Deutschen Gesellschaft für Philosophie 42 (2018), S. 2-5.
[mit Hannah Wallenfels, Florian Glück und Sebastian van Vugt] „Militanter Optimismus?“, in: gespraeche 3 (2017), S. 115-163.
„“Everywhere There Are Sad Passions.” Gilles Deleuze and the Unhappy Consciousness“, in: Deleuze and the Passions, hrsg. von Sjoerd van Tuinen und Ceciel Meiborg, New York: Punctum Books, 2016, S. 21-40.
[mit Elisabeth Schilling] „Dance and Philosophy: A Conversation“, in: This and That: Essays on Live Art and Performance Studies, hrsg. von Annette Arlander, Helsinki: Theaterakademie, 2014, S. 136-143.
[mit Elisabeth Schilling] „Thinking Performance: René Pollesch’s Interpassive Theatre and Beyond“, in: How Performance Thinks, hrsg. von Julia Helen Minors, 2013, S. 155-161.
„Die Unmöglichkeit der Heimkehr: Deleuzoguattarische Rekonzeptionen von »Heimat«, »Reise« und »Heimkehr« anhand von Cabeza de Vacas Naufragios“, in: Habt euch müde schon geflogen? Reise und Heimkehr als kulturanthropologische Phänomene, hrsg. von Helge Baumann, Maria Rossdal, Michael Weise und Stephanie Zehnle, Marburg: Tectum, 2010, S. 137-158.
Übersetzungen:
[im Erscheinen, mit Hannah Wallenfels] Pfeffer, Susanne (Hrsg.), Speculations on Anonymous Materials, Leipzig: Merve.
Brownell, Emily, „Better Shelter“, in: Modell Hütte, hrsg. von Karin Krauthausen und Rebekka Ladewig, Zürich: diaphanes, 2022.
Ingold, Timothy, Vom Weben der Stoffe“, in: Modell Hütte, hrsg. von Karin Krauthausen und Rebekka Ladewig, Zürich: diaphanes, 2022.
Debaise, Didier, Vom Reiz des Möglichen. Natur als Ereignis, Berlin: August Verlag, 2021.
Malabou, Catherine, „Heideggers Wandel“, in: Martin Heidegger: Die Falte der Sprache, hrsg. von Michael Friedman und Angelika Seppi, Wien: Turia + Kant, 2017.
Nancy, Jean-Luc, „Utopia Today: Questions to Jean-Luc Nancy“, in: Spectre Europe, hrsg. von Lukas Franke und Hannah Wallenfels, Wien: Werk-X, 2016.
[mit Robin Mackay] Meillassoux, Quentin, „Iteration, Reiteration, Repetition: A Speculative Analysis of the Sign Devoid of Meaning“, in: Genealogies of Speculation, hrsg. von Armen Avanessian und Suhail Malik, London: Bloomsbury, 2016.
[mit Hannah Wallenfels] Avanessian, Armen, und Robin Mackay (Hrsgg.), #Akzeleration#2, Berlin: Merve, 2014.
Fludernik, Monika, „Die natürlichkeitstheoretische Erzählforschung (natural narratology) und das Problem kognitiver Wahrnehmungsraster“, in: Macht des Erzählens, hrsg. von Anja Müller-Wood und Winfried Eckel, Remscheid: Gardez, 2011.