Christina Ujma: Wege in die Moderne. Reiseliteratur von Schriftstellerinnen und Schriftstellern des Vormärz
8.07.2009
10:00
Programm
Nach der Grand Tour und vor dem Zeitalter des industriell organisierten Massentourismus – also im Vormärz – stößt die Reiseliteratur in neue Dimensionen vor. Bewegung und Horizonterweiterung werden in vielen Reiseberichten dieser Zeit offensiv gesucht. Als Folge davon entsteht ein vieldimensionales Diskursgefüge, in dem sich die thematischen Ebenen und Perspektiven immer wieder überschneiden und Kunst, Gesellschaft und Politik gleichermaßen wichtig sind. Das differenziert das Bild der Epoche, denn die Reisebeschreibungen des Vormärz sind auch dann politisch bewusst, wenn sie nicht primär Politisches diskutieren. Sie sind darüber hinaus auch heiter, neugierig, manchmal sinnlich oder traurig und bedienen also keines der gängigen Klischee vom Vormärz. In den Beiträgen des Sammelbandes werden unterschiedlichste Reisen und Themen sehr unterschiedlicher Autorinnen wie Autoren analysiert. Fanny Lewald, Ida Hahn-Hahn, Louise Aston, Fanny Hensel-Mendelssohn, Johanna Schopenhauer, Fanny Tarnow, Betty Paoli, Helmina von Chézys, Therese von Bacheracht, Malwida von Meysenbug, Friedrich Engels, Albert Dulk oder Karl Nauwerck nutzen die Reisebeschreibung als Medium der polischen und persönlichen Selbstverständigung. Dabei geben sie Auskunft über die soziale, kulturelle und politische Realität der von ihnen bereisten Länder und versuchen immer wieder, kritische Inhalte am Zensor vorbei nach Deutschland zu schmuggeln, um über die Verhältnisse im Ausland zu informieren und gleichzeitig für Veränderungen daheim zu werben.Kommentar: Christoph Schmitt-MaaßChristina Ujma, Dr. phil., 1980-1986 Studium der Germanistik, Anglistik, Politologie und Kunstgeschichte in Göttingen, London und Marburg. Nach Lehrtätigkeiten an den Universitäten Marburg und Pisa seit 1994 Dozentin für Germanistik am Fachbereich European Studies der Universität Loughborough, GB. 1994 Promotion mit der Arbeit Ernst Blochs Konstruktion der Moderne aus Messianismus und Marxismus. Erörterungen mit Berücksichtigung von Lukács und Benjamin (Metzler 1995), Fanny Lewalds urbanes Arkadien, Studien zu Stadt, Kunst und Politik in ihren italienischen Reiseberichten aus Vormärz, Nachmärz und Gründerzeit, Aisthesis Verlag Bielefeld 2007. Zahlreiche Veröffentlichungen zur neueren und älteren Frauenliteratur, zur Wahrnehmung Italiens in der deutschen Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts, zur Europäischen Romantik, Kritischen Theorie, Weimarer Republik, klassischen und weniger klassischen Moderne. Christoph Schmitt-Maaß (1978), Studium der Neueren deutschen Literatur und Medien sowie der allgemeinen und vergleichenden Religionswissenschaft in Marburg, Zürich und Luzern. 2007 Promotion an der Universität Basel mit einer Arbeit zur Ethnopoesie in deutschsprachiger Gegenwartsliteratur; gegenwärtig Post-Doc-Stipendiat des Exzellenznetzwerkes "Aufklärung – Religion – Wissen" der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg mit einem Projekt zur Rezeption von Fénelons "Aventures de Télémaque" im 18. Jahrhundert. Zahlreiche Aufsätze und Vorträge zur deutschsprachigen Literatur des 17. bis 21. Jahrhunderts.