Die Welt in einem Haus? Museumsarchitektur, Politik und Globalbewusstsein
23.01.2017
10:00
Redner: Dr. Franck Hofmann (Centre Marc Bloch e.V.) Kommentar : Dr. Julia Weber (FU Berlin), Leiterin der Emmy Noether-Gruppe „Bauformen der Imagination. Literatur und Architektur in der Moderne“ am Peter Szondi-Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft. Das Universalmuseum ist eine europäische Erfindung und eng mit dem Hegemonieanspruch Europas oder einzelner seiner Nationalstaaten verknüpft. Der Pariser Louvre oder die Berliner Museumsinsel – um nur diese zu nennen – sind Teil der großen Erzählung eines in ihren Sammlungen zu sich kommenden Weltgeistes und nur vor dem Hintergrund der Kunst- und Geschichtsphilosophie des 19. Jahrhunderts zu begreifen. Diese kommen auch in der Architektur des europäischen Museums zum Ausdruck, das sich formal etwa auf den griechischen Tempel, die Stoa oder das Pantheon bezieht und diese Typologie noch im internationalen Modernismus des 20. Jahrhundert interpretiert. Als Gebäude repräsentiert es zugleich eine ebenso in der Geschichte des Geistes wie in den Praktiken der Macht begründete Konzeption des Wissens und des Staates. Als Institution hat es Teil an der kolonialen Aufteilung und szientifischen Vermessung der Erde, in der mit der Entgrenzung des Europäischen zum Allgemeinen zugleich ein erkenntnistheoretischer Vorrang aufgeklärter Rationalität gegenüber anderen Weisen des Weltverstehens behauptet wurde. Die Kritik der Postcolonial Studies richtete sich daher nicht zuletzt auch gegen das europäische Museum als Akteur eines machtpolitisch ausbuchstabierten Universalismus. Heute stehen neben Versuchen, das Universalmuseum neu zu interpretieren, Konzepte und Architekturen, die seine radikale Kritik formulieren, subalterne Stimmen aufwerten und eine neue Episteme erproben. Statt an die großen Erzählungen des Universalismus oder des Nationalen, ist das ‚Globale Museum‘ ein Dispositiv der Erkenntnis, das an die kleinen Geschichten der Dinge und der Menschen in je spezifischen, lokalen Situationen gebunden ist. Nicht die ganze Welt unter einem Dach erfahrbar zu machen, scheint die Zukunft des Museums, sondern in Häusern in der Welt eine Bearbeitung des Mannigfaltigen zu ermöglichen, aus der eine neues Bewusstsein des Globalen erwachsen kann. Vortrag und Diskussion in deutscher Sprache.