Für eine multidisziplinäre Untersuchung der Strategien historischer Aussöhnung in Europa
25.10.2007 – 26.10.2007
10:00
Seit vielen Jahren lassen sich in Europa vermehrt Anstrengungen beobachten, politische Aussöhnungsstrategien zu entwerfen und Institutionen zu schaffen, um die Feinde von gestern zum Dialog anzuregen. Der Umgang mit der Vergangenheit findet auf verschiedenen Ebenen statt: neue Gesetze werden verabschiedet, historische Kommissionen eingesetzt, neue Gedenkstätten errichtet, wobei die entsprechenden Initiativen entweder im nationalen Rahmen konzipiert werden oder auch von der Europäischen Union ausgehen. Einerseits zeugt das Aufgreifen der Aussöhnungsthematik durch unterschiedlichste Akteure von dem Willen nach Wiederherstellung des zerbrochenen innergesellschaftlichen Zusammenhalts, andererseits ist die politische Instrumentalisierung der Vergangenheit im Kontext von parteipolitischen Machtkämpfen ebenfalls verbreitet. So wird Geschichte zum umkämpften Mittel politischer Legitimation, das der gegenseitigen Abgrenzung dient, indem Akteure unterschiedliche historische Interpretationsmuster und Konzepte der Vergangenheitsbewältigung entwerfen. Die internationale Tagung, veranstaltet vom Institut des Sciences sociales du Politique (ISP), dem Centre Marc Bloch (CMB) und der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde (DGO) möchte besonders die Soziogenese von Versöhnungsstrategien, die Interaktion von Akteuren und den internationalen Vergleich von „Aussöhnungsmodellen“ in den Blick nehmen. Der internationale Rahmen dieser Tagung soll genutzt werden, um nicht nur den relativ häufigen Vergleich der post-kommunistischen Staaten Osteuropas vorzunehmen, sondern auch westliche Staaten wie Spanien und zentrale europäische Initiativen mit einzubeziehen. Zudem bietet die Tagung Gelegenheit, die in Deutschland wenig wahrgenommene französische Forschung zur Aussöhnungs- und Erinnerungspolitik in Osteuropa kennen zu lernen.
Programm
Donnerstag, 25. Oktober 20079.30 – 10 Uhr: Eröffnung der Konferenz durch die Direktorin des Centre Marc Bloch Pascale Laborier, Vertreter der französischen Botschaft und die DGO10 – 12.30 Uhr: Die Versöhnung der Erinnerungskulturen in den postkommunistischen Staaten – ein nicht-existentes Problem?Moderation: Pascale Laborier (Centre Marc Bloch)Georges Mink (Institut de Sciences sociales du Politique, Universität Paris 10): Die Rolle des nationalen Gedenkens in politischen KonfliktenJean-Charles Szurek (Institut de Sciences sociales du Politique, Universität Paris 10): Zur jüdisch-polnischen AussöhnungCatherine Gousseff (Centre Marc Bloch, CNRS): Gedächtnis und Geschichtsschreibung. Das Beispiel der ostpolnischen Geschichte. Diskutant: Etienne François (Frankreichzentrum, Freie Universität Berlin)14 – 18 Uhr: Die Erinnerung an Konflikte im ehemaligen Jugoslawien Moderation: Jean-Charles Szurek (Institut de Sciences sociales du Politique, Universität Paris 10)Cécile Jouhanneau ( Institut d’Études Politiques, Paris): Die Suche nach „Wahrheit“ zwischen internationalem Diskurs und lokalen Wertekategorien: Gedanken zur gescheiterten Einberufung einer Wahrheits- und Versöhnungskommission für Bosnien-Herzegowina Elisabeth Claverie (École des Hautes Études en Sciences Sociales): Der Internationale Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien Nathalie Duclos (Institut de Sciences sociales du Politique, Universität Tours): Das Vorgehen der OSZE und der UNO im KosovoDevrim Boy (École des Hautes Études en Sciences Sociales): Der Hohe Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen und die Suche nach Vermissten in BosnienDiskutant: Holm Sundhaussen (Freie Universität Berlin) Freitag, 26. Oktober 20079.30-13 Uhr: Internationale Institutionen und normative Rahmen der AussöhnungModeration: Georges Mink (Institut de Sciences sociales du Politique, Universität Paris 10)Laure Neumayer (Centre de Recherches Politiques de la Sorbonne, Universität Paris 1): Werte und Normen der Versöhnung für Europa: eine vergleichende Analyse der Tätigkeit des Europarats und der OSZE Danielle Rozenberg (Institut de Sciences sociales du Politique, Universität Paris 10): Die Erinnerungskulturen in Spanien und EuropaPascal Bonnard (Institut d’Études Politiques, Paris): Europa integrieren und seine Minderheiten (neu) definieren: die Debatte anlässlich der Ratifizierung der Rahmenkonvention zum Schutz nationaler Minderheiten in LettlandDiskutant: Jose Maria Faraldo (ZZF Potsdam)14.30 – 17.30 Uhr: Die Gesellschaft als Träger der ErinnerungModeration: Catherine Gousseff (CNRS, Centre Marc Bloch) Stephanie van de Loo (Münster Universität): Interpersonale und gesellschaftliche Versöhnungsprozesse im Vergleich – Notwendige Akzentverschiebungen.Eva Fisli (Institut d’Études Politiques, Paris): Pilger, Touristen, Besucher. Auf den Spuren ungarischer Gefallener in der ehemaligen SowjetunionAlice Volkwein (Centre Marc Bloch): Ein Vergleich zwischen der Erinnerung an die Vertreibung der Deutschen in der Bundesrepublik, der DDR und im wiedervereinten DeutschlandDiskutant: Michael Esch (unter Vorbehalt)16.30 –17.30 Uhr Abschlussdiskussion