Gilles Favarel-Garrigues: Die russische Gesellschaft auf der Suche nach Ordnung. Wirtschaftskriminalität in der Sowjetunion und Russland/Fighting economic crime in Soviet and Post-Soviet Russia
5.12.2007
11:00
Gilles Favarel-GarriguesGilles Favarel-Garrigues promovierte 2001 über den Kampf gegen die Wirtschaftskriminalität im sowjetischen und post-sowjetischen Russland am Institut d’Études Politiques in Paris. Seitdem weitete er als Wissenschaftler am CNRS und CERI seine Untersuchungen zum politischen Kampf gegen Korruption und Wirtschaftskriminalität auch auf andere Länder wie Frankreich aus. Daneben unterrichtet er an der EHESS und am IEP. 2006 erhielt er die Bronzemedaille des CNRS.PublikationGilles Favarel-Garrigues: La police des mœurs économiques de l’URSS à la Russie, CNRS, Paris 2007.Das Buch erzählt die bewegte und chaotische Geschichte der Wirtschaftskriminalität, die seit der Perestroika fundamental die aktuelle russische Politik prägt. Während der letzten Jahrzehnte des Sowjetregimes begünstigte der Mangel an Gütern und Dienstleistungen eine Vielfalt von „Untergrund-Praktiken“, die laut Strafgesetz als wirtschaftliche Verstöße gelten. Wie wählten die sowjetischen Polizeibeamten und Staatsanwälte die Fälle aus, die sie schließlich verfolgten? In der zweiten Hälfte der 80er Jahre wurde diese Repression problematisch: mit den ersten liberalen Wirtschaftsreformen entwickelten sich die ökonomischen Praktiken schneller als der juristische Rahmen. Zugleich entdeckten die desorientierten Polizeikräfte den Verkaufswert ihres Know-hows. Mithilfe von bisher unbekanntem Archivmaterial und Interviews zeigt diese Studie die Kontinuitäten in der Regierungstätigkeit vor und nach dem Ende der UdSSR von der Ära Breschnew zu den ersten Jahren der Ära Jelzin. Gilles Favarel-Garrigues, Kathy Rousselet: La société russe en quête d’ordre. Avec Vladimir Poutine?, Autrement, Paris 2004.Nach zehn Jahren gesellschaftlicher Umwälzungen besteht in Russland bei vielen der Wunsch nach Ordnung und Stabilität, wovon sich manche sozialen Schichten bessere Lebensbedingungen, andere die Absicherung ihrer Einkünfte versprechen. Die Autoren zeigen, wie Putins Politik des autoritären Staates teilweise diesen Wünschen gerecht wird und die Erwartungen erfüllt. Seit seiner ersten Wahl 2000 ist der russische Präsident bemüht, die Macht in seinen Händen zu bündeln, über Reformen eine strengere Rechtssprechung zu implementieren, um politische Gegner zu neutralisieren. Dabei bleibt offen, ob sich das politische Projekt Putins tatsächlich am Allgemeinwohl orientiert oder ob die vermeintlichen Verbesserungen nur oberflächlich sind.Der Vortrag wird in englischer Sprache gehalten.