Gisèle Sapiro: Die Figur des Intellektuellen im Wandel
15.10.2018
18:00
Jahresvortrag von Gisèle Sapiro (Forschungsdirektorin EHESS und CNRS, Fellow des Wissenschaftskollegs zu Berlin 2018-2019) Ausgehend von Zolas Engagement in der Dreyfus-Affäre hat sich in Frankreich eine Figur des „Intellektuellen“ herauskristallisiert, die seither untrennbar mit kritischem Denken und der Verteidigung universeller Werte verbunden ist. Umso erstaunlicher mutet also an, dass derzeit ausgerechnet neoreaktionäre Intellektuelle am stärksten in den Medien vertreten sind, die sich die Bewahrung „nationaler Identitäten“ auf die Fahne geschrieben haben und fremdenfeindliche Stimmung gegen Migranten verbreiten. Dieser Vortrag nimmt die Strukturen und den Wandel des intellektuellen Felds (nach Bourdieu) entlang seiner Kontinuitäten und Brüche seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert in den Blick. Anhand des französischen Falles soll hierbei ein Modell erstellt werden, das zwischen verschiedenen Formen des intellektuellen Engagements – je nach symbolischem Kapital, Autonomie und Spezialisierung der Akteure – differenziert und Fragen nach der Rolle der Intellektuellen im heutigen Europa aufwirft.