„Neue Kriege“, „alte Gewalt“? Zur Frage nach der conditio humana im Zeichen unaufhebbarer Gewalt heute

23.05.2019
11:00

Michael Staudigl (Universität Wien), Philosoph und Wissenschaftler auf dem Gebiet der phänomenologischen Gewalt- und Rassismusforschung, wird uns sein aktuelles Forschungsprojekt vorstellen: in Zusammenarbeit mit dem Forschungsschwerpunkt 4 Modération : Bahar Şen Für die klassische Philosophie seit Plato stellte sich die Frage nach der „conditio humana“ immer als die Frage nach dem „guten Leben“ und der menschlichen Ausrichtung auf Frieden, Koexistenz und das „common good“. Mit dem Ende des 20. Jahrhunderts, einem Jahrhundert präzedenzloser Gewalt, dem Zusammenbruch der Blöcke und einem atemberaubenden, v.a. technologischen Fortschritt schien sich ein neues Zeitalter der Stabilität und abnehmender Gewalt anzukündigen. Wie die letzten Jahrzehnte jedoch deutlich machten, beruhte diese Einschätzung wohl auf vorschnellem Optimismus. So erkennen Militärhistoriker, Soziologen und Kulturanthropologen in der Gegenwart ganz im Gegenteil neue, sich vielfach intensivierende Formen gewaltsamen Konflikts bzw. „Krieges“. Unter Bedingungen einer „aus der Bahn geratenden Modernisierung“ (Habermas), der Wiederkehr „atavistischer“, insbesondere „religiöser Gewalt“ im Horizont des „Mahlstroms der Globalisierung“ (Appadurai) bleibt zu prüfen, ob und in welcher Hinsicht diese sog. „neuen Kriege“ in der Tat neu sind und wie sie menschliches Selbstverständnis beeinflussen. In diesem Vortrag argumentiere ich anhand einer Diskussion der Debatte um die sog. „neuen Krieg“ dafür, dass wir einer Auseinandersetzung mit der Transformation von Gewalt im allgemeinen und Krieg im Besonderen bedürfen, um besser zu verstehen, was die „conditio humana“ heute ausmacht. Im Zentrum steht dabei aber nicht nur die Frage, ob traditionelle Auffassungen des Menschen angesichts dessen, wie der Krieg heute verschiedentlich in konstitutive Bereiche menschlicher Lebensführung eingreift, aufrechterhalten werden können. Die Frage ist vielmehr, ob die „neuen Kriege“ schlicht auf eine historisch aufzumerkende Veränderung in der Kriegsführung hindeuten, oder ob diese Transformation nicht eine tiefere Wahrheit darüber zur Anzeige bringt, wie der Krieg den Menschen macht. Im Zeichen dieser Hypothese drängt sich übergreifend die Notwendigkeit einer neuen Bestimmung des Verhältnisses von Mensch und Gewalt ab, die ich abschließend zur Diskussion stellen möchte.