ONLINE – Lucie Lamy: „Antikommunismus und NS-Vergangenheit. Der asymetrische Umgang mit „Links“ – und „Rechtsextremismus“ in Vertriebenenverbänden am Beispiel der Deutsch-Balten (von der „Neuen Ostpolitik“ bis zur „Wende“)

27.01.2021
14:00

Kommentar: Michael Schwartz (Institut für Zeitgeschichte Zweigstelle Berlin / Uni Münster) Am Ende der 1960er Jahre verändert sich die erinnerungspolitische Landschaft der west-deutschen Gesellschaft radikal : der Toleranz gegenüber ehemaligen Nationalsozialisten und der Betonung der deutschen Opfer des Krieges scheint ein Ende gesetzt zu werden, zugunsten des Gedenkens der NS-Verfolgten und der Aufarbeitung der NS-Vergangenheit. Diese Entwicklung geht allerdings an den Vertriebenenverbänden vorbei, die die Ostpolitik Willy Brandts ablehnen, und damit auch jede erinnerungspolitische Entwicklung – weshalb sie ab diesem Moment in der Öffentlichkeit immer mehr als “revanchistisch” und rechtsradikal (teilweise zu Unrecht) wahrgenommen werden. Der Vortrag beabsichtigt, sich mit den Gründen einer solchen Nicht-Entwicklung am Beispiel der Deutsch-Balten auseinanderzusetzen und die enge Verbindung zwischen Erinnerungsdiskursen und politischer Positionierung in diesen Verbänden offenzulegen. Die Fixierung auf den Antikommunismus, die in deutsch-baltischen Erinnerungsdiskursen emblematisch festgestellt werden kann, schafft einen starren ideologischen Rahmen, der den Vereinen wenig Alternativen in der politischen Positionierung lässt, und begünstigt zugleich eine verharmlosende Bewertung der NS-Zeit. Dies erlaubt zu beleuchten, inwieweit eine generell “konservative” demokratische Orientierung dieser Verbände mit einer Erinnerungskultur vereinbar ist, die es verfehlt, das Ausmaß der nationalsozialistischen NS-Verbrechen zu erkennen und zu bennenen.