Séminaire doctoral – Hegels spekulative Kritik des Erkennens. Über die Funktion der Logik in der „Logik, Metaphysik, Naturphilosophie“ (1804/05)
29.01.2018
10:00
Intervenant: Stefan Hagemann, doctorant en philosophie à la Humboldt Universität Berlin Commentaire: Antonios Kalatzis, chercheur au Centre Marc Bloch Contact: Frank Müller Abstract Stefan Hagemann (Humboldt-Universität zu Berlin) Hegels spekulative Kritik des Erkennens. Über die Funktion der Logik in der „Logik, Metaphysik, Naturphilosophie“ (1804/05) In dem großen Manuskript „Logik, Metaphysik, Naturphilosophie“ von 1804/05 unternimmt Hegel erstmals eine systematische Darstellung des philosophischen Programms, das er seit Beginn seiner Jenaer Zeit verfolgt. Der Zentralbegriff dieses Programms ist der Begriff der Spekulation. Spekulation oder spekulatives Erkennen steht dabei für ein bestimmtes epistemologisches Verfahren, dessen Ziel es ist, die Einsicht in die alle unsere Erkenntnisvollzüge insgesamt gründenden allgemeinen Prinzipien und Zusammenhänge zu ermöglichen. Weil aber jene Einsicht in unseren alltäglichen Erkenntnisvollzügen nicht je schon präsent ist, sondern vielmehr durch eine jenen Vollzügen zunächst ganz fremde Verfahrensweise erst hervorzubringen ist, realisiert sich spekulatives Erkennen wesentlich als Kritik unserer alltäglichen Erkenntnisvollzüge: Spekulatives Erkennen richtet sich auf unser alltägliches, auf partikulare Kontexten bezogenes und also endliches Erkennen, wendet sich gegen dessen Endlichkeit und erhebt es, so Hegel, zum unendlichen Erkennen, zum Erkennen des schlechthin Allgemeinen. Ist es demzufolge der Sinn spekulativen Erkennens, einen Übergang vom endlichen zum unendlichen Erkennen zu schaffen, so impliziert dies zum einen, dass das endliche Erkennen in einer fundamentalen Weise als defizitär zu gelten hat; es muss also aufgezeigt werden, worin die fundamentale Defizienz des endlichen Erkennens besteht, damit die von Hegel behauptete Dringlichkeit von dessen spekulativ verfahrender Kritik überhaupt erst sinnfällig wird. Zum anderen kann das endliche Erkennen, soll es ins unendliche Erkennen überführt werden können, diesem nicht schlechthin entgegengesetzt sein; es muss also aufgezeigt werden, inwiefern mit dem endlichen Erkennen schon die Möglichkeit eines Übergangs ins unendliche Erkennen gesetzt ist. Die Strategie, die Hegel verfolgt, um diese Anforderungen an das spekulative Erkennen einzulösen, lässt sich anhand der Logik des genannten Systementwurfs rekonstruieren, die, so die These des Vortrags, insgesamt als eine kritische Theorie des endlichen Erkennens verstanden werden kann, und zwar indem Sinne dass sie den Begriff des endlichen Erkennens konstruiert: Insofern nämlich die Logik die allgemeinen formalen Bestimmungen unseres Weltverhältnisses zum Thema hat, enthält sie implizit auch den Begriff dessen, was unser endliches, gegenstandsgerichtetes Erkennen seinem Wesen nach ist. Diesen Begriff ausdrücklich zu machen und damit zugleich das endliche Erkennen über seine eigene Endlichkeit aufzuklären, ist Aufgabe von Hegels spekulativer Logik. Was dies im einzelnen heißt, soll im Vortrag erläutert werden.