Sommerschule Musik, Einwanderung, kulturelle Diversität. Weltmusik als Ideal in einer pluralistischen Gesellschaft
6.09.2010 – 10.09.2010
10:00
Programm
Das Programm herunterladen (pdf).Im Rahmen der Sommerschule stehen die wissenschaftliche Erfassung sowie die Rahmenbedingungen der Beobachtung von musikalischer Praxis im Mittelpunkt unserer Fragestellungen: Wie können musikalischer Ausdruck und musikalische Handlungen sinnvoll kategorisiert werden? Welche Positionen können bzw. müssen wir als Forscherinnen und Forscher einnehmen, um Musik und musikalische Praxis überhaupt beobachten zu können? Wie kann Weltmusik definiert werden? Kann Weltmusik auf die einfache Formel "traditionelle Musik + elektrische Verstärkung" reduziert werden? Kann sich die World Music von ihrer Geschichte lossagen, die sie auf eine Marketingkategorie reduziert hat (eine Tendenz, die auch von der UNESCO bekämpft wurde)? Die Sommerschule thematisiert damit die epistemologischen Grundfragen unserer Herangehensweise sowie methodische Fragen der teilnehmenden Beobachtung in der Anthropologie. Die Sommerschule soll dabei nicht nur Ort der wissenschaftlichen Reflexion sein, wir organisieren auch Treffen mit Musikerinnen und Musikern der Berliner World Music-Szene.InhaltFünf verschiedene Fragenkomplexe stehen im Mittelpunkt der Sommerschule: 1. Methodische Fragen Jede musikalische Aussage basiert auf den Handlungen von Menschen. Wer eine musikalische Aussage beschreiben oder erklären will, muss sich die damit verbundenen Handlungen als Ganzes vergegenwärtigen, unabhängig ob sie hier oder dort, gestern oder heute geschehen. Ebenso schaffen diese Handlungen einen in unseren westlichen Gesellschaften als "Weltmusik" bezeichneten Gegenstand. Diese Handlungen umfassen das menschliche Handeln selbst, aber auch was die Menschen über ihre Handlungen sagen. Sie konstituieren damit die Musik als Objekt. Aus diesem Grund werden wir die Handlungen in den Mittelpunkt unserer Reflexion stellen. Dieser Ansatz ist auch deshalb interessant, weil er für andere Themenbereiche benutzt werden kann. Damit verbindet sich das Ziel, die Forschung über Musik aus ihrer relativ isolierten Position im Feld der institutionalisierten Disziplinen herauszuholen. Unsere Herangehensweise steht damit im Gegensatz zu Arbeiten, die von bestehenden theoretischen Kategorien ausgehen und untersuchen, wie sich diese in der Wirklichkeit wiederfinden. Wir bevorzugen es, den Einfluss der institutionalisierten Kategorien auf die Weltmusik zu untersuchen (siehe als Beispiel Hans Joas, La Créativité de l’Agir, 1999)2. Ontologische FragenDurch diese anthropologische Perspektive verlassen wir die normativen Modelle und rücken die Beobachtung der Praxis in den Vordergrund. Wir interessieren uns insbesondere dafür, was Musik entstehen lässt. Die Weltmusik lässt sich nicht immer einfach fassen und begrenzen, sie ist keine gegebene Tatsache, die nur beschrieben werden muss. Eine solche Sichtweise, die mehr auf den Herstellungsprozess und weniger auf ihre Essenz abzielt, braucht eine ontologische Perspektive. Die Antworten auf unsere Fragen sind nicht nur im Bereich der Philosophie, sondern auch in den Geisteswissenschaften allgemein sowie in den Sozialwissenschaften zu suchen. In dieser Arbeitsphase werden wir sieben ontologische Modelle diskutieren. Das musikalische Werk… 1) als reine/ ideale Struktur, deren Aufführungen als Instantiierung zu deuten sind (siehe dazu musikalischer Platonismus); 2) als Struktur, die im Kontext ihrer Aufführungsbedingungen zu sehen ist (siehe dazu Levinson); 3) als Erscheinung eines gewissen Typus (siehe dazu Zemnach); 4) als Symbol in einem allographischen System (siehe dazu Goodman); 5) als künstliche Substanz, deren Essenz von ihrer ästhetischen Funktionsweise bestimmt wird (siehe dazu Pouivet); 6) als historisches Individuum (siehe dazu Rohrbaugh); 7) als Ereignis (siehe dazu Currie und D. Davis). Abgesehen vom allgemeinen Interesse an diesen Modellen im Rahmen einer Ontologie der Kunst kann man sich fragen, welche am besten für das Verständnis der Phänomene der "Weltmusik" geeignet sind. Das ontologische Verfahren ist nämlich entweder reformerisch, wenn sie aus einer ontologischen Theorie hervorgeht oder deskriptiv, wenn sie von der Untersuchung der Werke ausgeht und sich darum bemüht, anpassende Ontologien zu kreieren.3. Weltmusikfestivals In dieser Arbeitsphase werden verschiedenen Fallstudien vorgestellt. Wir beziehen uns dabei auf die Ergebnisse eines deutsch-französischen Workshops, der zwei Festivals untersucht hat (Creole, Weltmusik aus Deutschland in Berlin und Villes des musiques du monde in Seine-Saint-Denis). Ausgangspunkt unserer Arbeit sind zwei Ansätze: die deskriptiven Kategorien von Elisabeth Anscombe und die "Beschreibungen unter X" von Vincent Descombe. Wir werden uns auf diese Weise eine Vorstellung von der Vielfalt der möglichen Beschreibungen machen. Daraus ist ein hermeneutisches Verfahren abzuleiten, das seine Aufmerksamkeit vor allem auf die Interaktionen richtet (Paul Ricoeur, Clifford Geertz, James Clifford).4. Musik und Politik Das Syntagma "Weltmusik" steht für eine ganze Reihe von möglichen Bedeutungsinhalten. Diese Unbestimmtheit ist jedoch der Grund für den Erfolg des Syntagmas. Unter dem Namen "Weltmusik" und dem von vornherein überzeugenden Charakter der künstlerischen Produktion, die zu diesem Bereich der musikalischen Praxis gehören, werden Vorstellungen von Offenheit, Toleranz, kulturelle Vielfalt, Integration, Pluralismus, usw. transportiert. Es sind Vorstellungen einer pluralistischen Welt, die im Gegensatz stehen zu den geschlossenen Gesellschaften, die sich selbst als homogen begreifen. Deswegen spielt die Weltmusik auch im politischen Diskurs eine Rolle und findet häufig in Integrationsprogrammen Verwendung, die die öffentliche Hand in den Problembezirken organisiert. Folgende Frage steht an diesem Arbeitstag im Mittelpunkt: Wie wird das Syntagma "Weltmusik" in politischen Diskursen verwendet, während in der Welt der Anthropologie das Engagement für die Erniedrigten und Unterdrückten öfters als epistemologisches Prinzip fungiert? 5. Bildung Am letzten Tag der Sommerschule wird den Fragen rund um das Unterrichten von Weltmusik nachgegangen. Martin Greve, Verantwortlicher für interkulturelle Musikprojekte an der Philharmonie Berlin, wird sein außerordentlich interessantes Experiment am Konservatorium in Rotterdam darstellen. Dort hat er die ersten Kurse für "Weltmusik" geschaffen. Dieses Experiment wird mit denen der Hochschule für Musik und Theater in Hannover und denen des Musikethnologen Gille Delebarre in der Cité de la Musique in Paris verglichen. Letzteres ist zu einem der größten Zentren für die Pädagogik der Weltmusik geworden. Dort kann sowohl Derbuka und Harmonika als auch das Gamelan aus Bali und das Rubab aus Afghanistan studiert werden. In diesem Zusammenhang stellen sich folgende Fragen: Inwieweit kann Musik außerhalb ihres Kontextes analysiert werden, der ihr Bedeutung verleiht? Kann man ein Repertoire lehren, ohne das ganze kulturelle System, in dem es entstanden ist, mit zu lehren? Anders gefragt: Wie produzieren diese Institutionen selbst die "vielfältige Welt"?