Vom Tagebuch zum Katalog. Wissenstransfer in Carl von Linnés Lappländischer Reise (1732)

11.01.2024
11:00

Mit: Steffan Müller-Wille (HPS Cambridge) Carl von Linnés Lapplandreise im Jahr 1732 gilt zu Recht als ein Meilenstein in der Geschichte der Ethnographie und Ökologie. Sein lebendig geschriebenes Tagebuch, das erst Anfang des 19. Jahrhunderts in englischer Übersetzung publiziert wurde, weist überraschende Kontinuitäten zur Kultur und Natur des heutigen Lapplands auf. Der Grund für solche déjà-vu Effekte, so werde ich argumentieren, ist darin zu suchen, dass Linné nicht allein auf seiner Reise war, sondern durch Lappland „geführt“ wurde. Insbesondere seine Beschreibungen von ökologischen und ökonomischen Verhältnissen, auf deren Grundlage schwedische Siedler und nomadische Samí ihr Leben gestalteten, bauten auf sehens- und bemerkenswerten Sachverhalten auf, auf die ihn Menschen, denen er auf seiner Reise begegnete, hinwiesen. Linné selbst exotisierte Lappland bereits, und zeichnete die Region gerne als menschenleere „Wildnis“, um die Autorität und Glaubwürdigkeit seines Berichts zu steigern, und proto-koloniale Utopien einer totalen Agrarisierung des Nordens zu entwerfen. Eine kritische Lektüre seines Tagebuchs zeigt aber, dass Lappland kein unbeschriebenes Blatt war, sondern wie jede Weltgegend bereits von Mythen und Geschichten durchwoben war, in deren Fortschreibung Linné sich einreihte. !! Zeitänderung: ausnahmsweise 11h-13h !!