Wie nicht sprechen? Strategien des Ent-Sagens im Gegenwartsdenken

21.04.2006 – 22.04.2006
10:00

Wie das zur Sprache bringen, worüber man nicht sprechen kann? Führt, wie es der Wittgenstein des Tractatus nahe zu legen scheinte, die Erfahrung eines jeder Sagbarkeit widerstehenden Kernes unwiderruflich zum Verstummen? Ist der neuzeitliche Traum einer grenzenlosen Benennung von Welt im 20. Jahrhundert dazu verdammt, in eine Ästhetik des Verstummens umzuschlagen?In einem Vortrag in Jerusalem im Jahre 1987 weist Jacques Derrida diese Lösung zurück und stellt erneut die Frage: „Wie nicht sprechen?“. Wie sprechen, wenn jedes Sagen bereits gewaltsam ist; andererseits aber: wie nicht sprechen, wenn das Verschweigen laut Emmanuel Levinas selbst die „schlimmste Gewalt“ darstellt? Zwischen diesen Aporien erkundet Derrida in diesem Vortrag, der zugleich eine Auseinandersetzung mit der Negativen Theologie darstellt, die sprachlichen Arsenale der Vermeidung, jeder Affirmation zuvorkommend.Über die Diskussion zwischen Dekonstruktion und Negativer Theologie hinaus erweist sich die Frage „Wie nicht sprechen“, heute mehr denn je, als der gemeinsame Brennpunkt unterschiedlicher Denkversuche der Gegenwart. Diese Versuche, die unter verschiedenen Stichworten firmieren und verschiedenen Traditionen verpflichtet sind (Dekonstruktion, Sprechakttheorie, Diskursanalyse, „französische“ Phänomenologie, „schwaches Denken“, performative turn usw.) tasten sich an die Frage der Sprache und an die Differenz zwischen Sagen und Gesagtem heran. Unbeachtet ihrer sonstigen Unterschiede beleuchten sie mithin die strukturellen Probleme, wenn Sprache zu sich selbst kommt. In dieser selbst-referenziellen Bewegung scheint etwas durchzubrechen, was sich nicht mehr in den überlieferten Sprachformen einfangen lässt, sondern neue Darstellungsformen verlangt. Diese unterschiedlichen Formen sollen im Mittelpunkt eines Workshops stehen, der sich der mehrdeutig schillernden Frage „Wie nicht sprechen?“ annimmt. Der Workshop richtet sich in erster Linie an Philosophen, Theologen, Sprach- und Literaturwissenschaftler, erwünscht sind jedoch auch ausdrücklich Beiträge aus Disziplinen, in denen nichtpropositionale Ausdrucksformen entscheidend sind wie Kunstgeschichte, Musik-, Theater-, Filmwissenschaft u.a.m. Durch diese überkreuzte Betrachtung sollen die diversen Strategien verglichen werden, durch die – jenseits der Alternative zwischen Sagen und Entsagen – ein Spielraum eröffnet wird, wo jedes Sagen stets die Signaturen seiner eigenen Zurücknahme, und somit seiner Selbstdurchkreuzung, aufweist.

Programm

Wie nicht sprechen?Strategien des Ent-Sagens im GegenwartsdenkenFREITAG, den 21. April11.30Eröffnung11.45-13.00Panel I Moderation: Alice Lagaay11.45Jean CLAM (CMB Berlin/ Strasbourg)"Schwierigkeiten des Sagens, Gründe des Verstummens"11.10Carsten LOTZ (Tübingen)"Nicht zu sprechen. Derridas Anrufbeantworter für Jean-Luc Marion"12.35Diskussion13.00Mittagspause15.00-16.15Panel II Moderation: Emanuel Alloa15.00Kathrin BUSCH (Lüneburg)"Von der Heimsuchung des Sprechens"15.25Pascal DELHOM (Hamburg)"Die Geduld des Sagens. Über Sprache bei Levinas"15.50Diskussion16.15Pause16.30-17.45Panel III Moderation: Carsten Lotz16.30Wiebke-Marie STOCK (FU Berlin)"Symbol und Negation. Zur Sprache des Dionysius Areopagita"16.55Jochen SCHMIDT (Glasgow)"Vielstimmige Rede vom Unsagbaren"17.20Diskussion17.45Pause mit Buffet19.00AbendvortragVolker BEEH (Düsseldorf)SAMSTAG, den 22. April9.30Begrüßung9.45-11.00Panel IV Moderation: Emanuel Alloa9.45Martin URMANN (HU Berlin)"Paradoxologisches Sprechen als Triumph der Sprache – Mallarmés Lyrik desBlanc"10.10Ulisse DOGÀ (FU Berlin)"Über die Unmöglichkeit der Dichtung, die Stille zu ersteigen. Ein Versuchüber Paul Celan"10.35Diskussion11.00Pause11.15-12.30Panel V Moderation: Alice Lagaay11.15Maurizio di BARTOLO (Jena)"L’écriture et l’indifférence: der Fall ‚Bartleby’"11.40Emanuel ALLOA (FU Berlin/Paris)"Eine Rede, die sich nicht selbst besitzt. Formen des indirekten Sprechens"12.05Diskussion12.30Mittagspause14.30Alice LAGAAY/ Juliane SCHIFFERS (FU Berlin)"Enthaltung als Chance? Ein Dialog zur radikalen Passivität bei GiorgioAgamben"14.55Abschlussdiskussion15.30Schluss