Hat TikTok die Gewalt im Herbst 2026 in Frankreich angeheizt?

Isabelle Guinaudeau (Centre Marc Bloch/CNRS, Sciences Po), Hugo Subtil (Universität Zürich) und Benjamin Guinaudeau (Université Laval, CSMaP-NYU) haben von September bis Oktober fast eine Million TikTok-Videos zu den Protesten in Frankreich analysiert. Die Videos haben zusammen 16 Milliarden Aufrufe und 4,5 Millionen Kommentare.

Die Ergebnisse zeigen:

  • Aufrufe zu Mobilisierungen verbreiteten sich stark auf TikTok, doch Spuren einer koordinierten Gewalt finden sich kaum. Explizite Gewaltaufrufe machen je nach Tag höchstens 0,21% der Videos zu den Mobilisierungen aus und 0,11% von deren Aufrufen.

  • Die meisten Aufrufe beziehen sich nicht auf Gewalt. 14% der Aufrufe entfallen auf Videos, die Gewalt zeigen, gegenüber 32% auf Videos, die eine Forderung erwähnen.

  • Die Darstellung der Mobilisierungen hängt von der politischen Ausrichtung des Medienpublikums ab. Plünderungen und Sachbeschädigungen machen 24% der Aufrufe bei Medien mit einem rechten Publikum aus, bei Medien mit einem linken Publikum sind es 5%. Letztere widmen Forderungen zu Repression und Polizeigewalt dagegen mehr Aufmerksamkeit: 50% ihrer Aufrufe gegenüber 27% bei rechten Medien.

  • Gewaltbilder lösen mehr Verurteilungen als Zustimmung aus.

  • Gewalt zu zeigen bringt nicht zwangsläufig mehr Aufrufe.

  • Die Sichtbarkeit von Gewaltbildern erfolgt vor allem durch Medien. Deren Konten veröffentlichen weniger als 2% der Videos, erzielen aber 56% der Aufrufe bei Videos mit Gewaltszenen. Umgekehrt veröffentlichen kleine Kreator:innen (Konten mit weniger als 50.000 Abonnent:innen) 87% der Videos, erreichen damit aber nur 22% der Aufrufe.

  • Keine Anzeichen für großangelegte Manipulation.

Diese Ergebnisse erlauben keinen Schluss darauf, dass die Plattformen keinerlei Rolle bei den Gewalttaten gespielt haben. Die Untersuchung betrifft nur öffentliche Inhalte auf TikTok. Private Nachrichten, andere Plattformen und personalisierte Empfehlungsfeeds sind nicht erfasst. Sie liefert allerdings wenig empirische Belege für die Mechanismen, mit denen eine generelle Sperrung TikToks begründet wird. Eine solche Sperrung würde auch die Nutzung für Information, Meinungsäußerung und politische Mobilisierung treffen.

Die vollständige Analyse und den Bericht: