REALISMUS! Max Lingner-Projekt

Kritisches Denken im Plural. Begriffliche Wege der Sozialforschung

Die in Kooperation mit der Max-Lingner-Stiftung eingerichtete Lingner-Forschungsstelle am CMB ist ein Ort der Debatte. Ihre Aufgabe ist eine doppelte: Sie bündelt Forschung zu Leben und Werk Max Lingners. Und sie verbindet die Auseinandersetzung mit Lingners künstlerischer und politischer Arbeit mit der Frage nach einer Gegenwärtigkeit von Realismus. Mit Blick auf eine europäische Intellektuellengeschichte gilt die Aufmerksamkeit Lingner als einer Figur des Kulturtransfers zwischen Frankreich und Deutschland, wohin er 1949 nach seiner Zeit in Paris, in der Résistance  und in französischen Lagern zurückkehrt. In seinen Arbeiten – Typologien eines proletarischen Menschen und urbane Landschaften der Moderne – entwirft Lingner ein kommunistisches Weltbild. Dieses gewinnt seine Konturen gerade auch in Blättern, die Lingner als Pressezeichner für Zeitungen wie Monde, Avant-Garde oder L'Humanité vorlegt. Das so auch an Tagespolitik gebundene französische Werk des Zeichners Lingners  wird nach seiner Rückkehr nach Berlin um stärker ideologisch motivierte Arbeiten ergänzt: Mit einem großformatigen „Bauernkrieg“, dem die Bewunderung Bertolt Brechts galt, begleitet Lingner die Gründung der DDR in den fünfziger Jahren ebenso, wie mit dem Porzellan-Wandbild „Aufbau der Republik“ am Haus der Ministerien.

In einer Perspektive der Einflussforschung wird die Bedeutung der westlichen Avantgarden auf das Werk eines Künstlers thematisiert, der in der DDR als Nationalpreisträger hoch anerkannt war und doch auch rasch unter Formalismus-Verdacht geraten ist. Dabei ist der Themenkreis des komparatistisch orientierten Lingner-Projekts am CMB nicht auf dessen Arbeiten beschränkt: Sein Ziel ist es, ästhetische und politische Debatten der Moderne auf ihr zu aktualisierendes Potential hin zu prüfen und sie mit den gegenwärtigen philosophischen Diskussionen um Welthaltigkeit ebenso zu verbinden wie mit den sich in Europa derzeit abzeichnenden Kämpfen um die kulturelle Hegemonie. Es gilt, eine alte zeitlose und universelle Frage neu zu stellen: Wie wollen, wie können wir leben? Antworten auf diese Frage werden gerade auch in den Literaturen und Künsten formuliert, die ihnen spezifische Haltungen zur Wirklichkeit entwickeln. Eine besondere Aufmerksamkeit gilt hierbei ästhetischen Positionen und Arbeiten, die den Menschen als einen durch Krieg und Diktatur, Flucht und Internierung herausgeforderten zum Gegenstand haben, die eine condition humain formulieren, für die Max Lingners Leben als ein paradigmatisches gelesen werden kann. Realismus ! ist hier bewusst nicht nur als ein an das Werk Lingners gebundener Gegenstand, sondern als Parole aufgerufen. Diese verweist auf zwei weitere Begriffe die unsere Arbeit strukturieren: auf Engagement und Anerkennung.

 

Kontakt:Franck Hofmann (hofmann@cmb.hu-berlin.de)

Link: Max Lingner-Stiftung

Verantwortliche Personen :
Franck Hofmann

An-Institut

© Centre Marc Bloch 2018 - Deutsch-Französisches Forschungszentrum für Sozialwissenschaften, Berlin

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