Mutterinstitut : Institut d'études politiques de Paris (Sciences Po) | Position : Doktorand | Fachbereich : Philosophie , Politikwissenschaft , Demographie , Wirtschaftswissenschaften |

Biographie

Im Anschluss an einen einjährigen internationalen Jugendfreiwilligendienst in der Pariser Forschungseinrichtung « Yahad-in Unum » hat Marius Bickhardt im Jahr 2020 einen Masterabschluss in der Philosophie an der Universität Paris Nanterre erlangt.

Im Rahmen des Masterstudiengangs « Histoire et actualité de la philosophie » konzentrierte sich seine Forschung auf die Kritische Theorie von Adorno und Horkheimer, die Philosophie Hegels sowie die politische Ökonomie von Marx, Mike Davis und David Harvey.

Seit September 2021 promoviert er im Feld der Politischen Theorie bei Sciences Po Paris. Die Arbeit wird vom Umweltphilosophen Pierre Charbonnier betreut.

Forschungsthema

Umweltgeschichte, Anthropozän, Demografie, Bevölkerungstheorie, Neomalthusianismus, Politische Ökonomie, Ökologische Ungleichheiten, Klimagerechtigkeit

(cotutelle)
Titel der Dissertation

Die Überbevölkerung im Zeitalter des Anthropozäns. Knappheit, Überfluss und Ungleichheiten, 18. bis 21. Jahrhundert

Zusammenfassung der Dissertation

Anknüpfend an seine Masterarbeit zum « Problem der Überbevölkerung » bei Malthus und Marx zielt seine Promotion unter der Leitung von Pierre Charbonnier darauf ab, diese historische Arbeit auf eine Kritik des Neo-Malthusianismus auszudehnen, welcher seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine demographische Analyse der ökologischen Krise liefert.

Zahlreiche Autoren wie Paul Ehrlich und Garret Hardin haben das neomalthusianische Verdikt des Katastrophismus ausgesprochen: Wir - aber vor allem die Anderen im Süden - seien « zu viele » und die Tragfähigkeit der Ökosysteme der Erde sei bald erschöpft, was in einem Kontext knapper Ressourcen Epidemien, Hungersnöte und Konflikte verursachen werde.

Ausgehend von einer Kritik des neomalthusianischen Umweltdenkens im Besonderen soll die Umweltgeschichte der (natalistischen oder antinatalistischen) Bevölkerungslehren seit den Prä-Malthusianern allgemeiner betrachtet werden. Der reduktionistische Naturalismus von Begriffen wie « optimale Bevölkerungszahl »oder « Tragfähigkeit » soll einer kritischen Reflexion weichen, welche die natürlichen und normativen Kriterien - beispielsweise planetare Grenzen und Formen sozialer Organisation - bestimmt und somit imstande ist, einen kritischen Überbevölkerungsbegriffs zu begründen. Wie ist die nachhaltige Reproduktion des kollektiven Lebens einer Weltbevölkerung von 10 Milliarden Menschen im Jahr 2050 vorstellbar, bei gleichzeitiger Aufgabe von intensiver Landwirtschaft, fossilen Infrastrukturen und synthetischen Düngemitteln, die den Stickstoffkreislauf stören? Ermöglicht der städtische Raum durch die effiziente Verwaltung gemeinsamer Ressourcen in einer postfossilen Wirtschaft einen nachhaltigen Urbanismus?

Um eine kritische Bevölkerungstheorie zu entwerfen, die nicht nur eine quantifizierte Perspektive der Demografie im Sinne der statistischen « Weltbevölkerung » ist, sondern die in sich verschiedene qualitative Determinanten der Bevölkerung wie die demografische Entwicklung in Bezug auf ihr ökologisches Umfeld und sozioökonomische Ungleichheiten artikuliert, stellt er die heuristische Hypothese einer Aktualisierung der Marxschen Theorie der « relativen Überbevölkerung » auf. Das Begriffspaar Bevölkerung-Ressourcen soll in Frage stellt werden, indem der Bevölkerungsüberschuss als ein sozioökonomisches Surplus identifiziert wird, welches durch die Knappheit von Beschäftigungsmitteln bestimmt wird und sich in einer « relative[n], d.h. für die mittleren Verwertungsbedürfnisse des Kapitals überschüssige[n], daher überflüssige[n] oder Zuschuß-Arbeiterbevölkerung » (Marx) verkörpert.

Anhand der politischen Ökonomie der relativen Überbevölkerung und der Umkehrung der katastrophistischen Vision eines « Ansturms auf Europa » ausgehend vom afrikanischen Kontinent will er die ökologischen Ungleichheiten in den Ländern des Südens analysieren und die Frage nach Klimagerechtigkeit stellen. Inwiefern bedroht die ökologische Krise durch steigende Wasser-, Luft- und Bodenverschmutzung die « relative Überbevölkerung » der Armen und Ausgeschlossenen im Süden? Welche Auswirkungen hat die Zerstörung des natürlichen Gleichgewichts der Ökosysteme auf das sozioökonomische Ungleichgewicht zwischen Arbeitsangebot und -nachfrage in der Weltökonomie? Inwiefern wird das Bevölkerungswachstum in den Regionen ohne Entwicklung den Druck auf Arbeitsmärkte erhöhen und somit die Ausgrenzung verstärken? Diese beiden demo-ökologischen Faktoren der « Enteignung » werden einen Klimaexodus befördern, der die Zahl der Klimaflüchtlinge erhöhen wird. Es gilt daher zu untersuchen, inwiefern sich die soziale und klimatische Vulnerabilität, welche diese Bevölkerungsgruppen an erster Stelle im Kampf ums Überleben und um ein gerechtes und nachhaltiges Leben im Anthropozän platziert, in politische Handlungsmacht übersetzen kann.

Institution der Dissertation

Institut d'études politiques de Paris (Sciences Po)

Betreuer

Pierre Charbonnier