Tagung

Die deutsch-französischen Beziehungen und die europäische Integration nach 1990. Eine Hommage für Michel Cullin (1944-2020)

08. Oktober | 08:30

Immer wieder wird die spezifische Beziehung zwischen Deutschland und Frankreich, die Erfolgsgeschichte ihrer Aussöhnung und ihre Rolle als Motor für die europäische Integration in gesellschaftlicher, politischer und kultureller Hinsicht betont. Auch wenn sie nicht ohne beträchtliche Konflikte auf europäischer Ebene zustande kam, so ist die jüngst ausgehandelte Einigung über einen europäischen Wiederaufbaufonds der von Deutschland und Frankreich initiiert wurde, ein gutes Beispiel dafür.  Schon lange handelt es sich bei den deutsch-französischen Beziehungen folglich nicht mehr um eine bilaterale „ménage à deux “. Sie spielen sich im Idealfall immer auf einer zumindest trilateralen, multilateralen, europäischen oder sogar globalen Ebene ab.

Vor dem Hintergrund des 60. Jahrestages des Mauerbaus soll 2021 auf einer Tagung in Berlin daher die Frage in den Fokus genommen werden, inwiefern die deutsch-deutsch-französischen Dreiecksbeziehungen auch die Integration der neuen Bundesländer nach 1990 in Europa beschleunigt haben. Konnte der französische Partner auf die zuweilen verkrampften Beziehungen zwischen West- und Ostdeutschland positiven Einfluss nehmen? Welche Mittlerpersönlichkeiten waren daran beteiligt? Welche bestehenden oder neu gegründeten Institutionen haben unterstützend und aufklärend gewirkt? Konnten sich französische Mittler*innen, die sich vorher (auch aus politischen Gründen) für die DDR eingesetzt hatten, an die neue Situation anpassen und konstruktiv mit umgehen? Inwiefern konnten französische Mittler*innen durch ihre Außenperspektive das deutsch-deutsche Verhältnis verbessern, wo „Ossis“ und „Wessis“ selbst in problematischen Zuschreibungsmuster verharrten? Welche Initiativen entstanden nach der Wende in Ostdeutschland, welche Partnerstädte fanden sich, welche Politiker unterstützten Projekte oder verhinderten ihre Umsetzung? Wie sind diese Entwicklungen aus heutiger Perspektive zu verstehen? Und schließlich: welche weiteren Initiativen kann man hervorheben (z.B. das Weimarer Dreieck), die förderlich für die europäische Integration der osteuropäischen Staaten waren.

Dabei wird u.a. die Rolle der französischen Germanistik betrachtet, die während des Kalten Krieges umfängliche Forschungen zum „anderen" Deutschland geliefert hatte. Es wird zu fragen sein, ob und in welcher Weise sie jenen Prozess beförderte, der nach Beendigung der ideologischen Polarisierung die „neuen Bundesländer“ zum integralen Bestandteil (gesamt-)deutsch-französischer Beziehungen machte.

Ein Mittler, der in diesem Kontext eine wichtige Funktion besaß, war der 2020 verstorbene Michel Cullin. Als Hochschulattaché nach der Wende für die neuen Bundesländer nach Berlin berufen, nutzte er diese Position, um die Kontakte zwischen den neuen Bundesländern und Frankreich zu vertiefen. Seinem Engagement ist es u.a. zu verdanken, dass im Juli 1995 ein bis dahin noch wenig bekannter Aspekt der deutsch-französischen Geschichte, der gemeinsame Kampf deutscher Emigrant*innen und französischer Widerstandskämpfer*innen zur Zeit der deutschen Besatzung Gegenstand einer Tagung an der TU-Berlin wurde. Michel Cullin initiierte als erster in Halle an der Saale den Austausch zwischen französischen Hochschullektor*innen in Deutschland und DAAD-Lektor*innen in Frankreich und konnte als stellvertretender Generalsekretär des Deutsch-Französischen Jugendwerkes die deutsch-französischen Beziehungen nachhaltig gestalten. Seinem Andenken ist die Tagung gewidmet. Neben einer Plenumsdiskussion mit Akteuren aus Politik, Medien und Zivilgesellschaft findet dazu ein wissenschaftlicher Austausch in Form von Paneldiskussionen statt.

Partner: Université Aix-Marseille, Universität des Saarlandes, Centre Marc Bloch, Goethe-Institut, OFAJ

Organisator*innen:
 

Dr. Habil. Mathias Delori (CNRS - Centre Marc Bloch)

Mathias.delori@cmb.hu-berlin.de

Prof. Dr. Mechthild Gilzmer (Universität des Saarlandes)

gilzmer678@gmail.com

Dr. Catherine Teissier (Université Aix-Marseille)

Catherine.teissier@univ-amu.fr

Dr. Joachim Umlauf (Goethe-Institut Bukarest)

Joachim.Umlauf@goethe.de

Kontakt

Mathias Delori
mathias.delori  ( at )  cmb.hu-berlin.de

Partner

Centre Marc Bloch, Fonds Citoyen Franco-Allemand, Aix-Marseille Université, Goethe-Institut

Programm

Die Arbeitssprachen sind Französisch und Deutsch.

8.30-9.00: Empfang der Teilnehmenden

9.00-9.15: Begrüßung durch Jakob Vogel, Direktor des Centre Marc Bloch (CMB)

9.15-10.45: Panel 1/ Literatur, Medien und Künste
Moderation Catherine Teissier (Université d'Aix-Marseille AMU)

  • Dorothee Röseberg (Martin Luther Universität Halle-Wittenberg): Der andere Blick auf ein anderes Deutschland. Beispiele und Thesen.
  • Nicole Bary (Les Amis du roi des Aulnes): Libraire, traductrice, éditrice, rencontres d'auteurs: une médiation en réseau.
  • Guillaume Mouralis (CMB), Laure de Verdalle (Université de Versailles St. Quentin, UVSQ-CMB) et Caroline Moine (UVSQ-CMB): Utopia'89. Un regard franco-allemand sur la manifestation du 4.11.89 à Berlin-Est.

10.45-11.00: Kaffeepause

11.00-12.30: Panel 2/ Zivilgesellschaft, Netzwerke
Moderation Mathias Delori (CMB)

  • Benjamin Kurc (Fonds Citoyen Franco-Allemand): Zukunftsperspektive und Rolle der Zivilgesellschaft in den deutsch-französischen Beziehungen.
  • Imke Schultz (Université Clermont Auvergne): Gilbert Badia, ein Mittler im Einsatz für einen untergegangenen Staat.
  • Paul Maurice  (Comité d’Etude des Relations Franco-Allemandes, CERFA): De l'Institut de Berlin-Brandenbourg ... à la fondation Genshagen.
  • Anne Pirwitz (Universität Passau): Partir à l´(ou)est. - Ost-West-Städtepartnerschaften als Motor europäischer Integration.

12.30-14.00: Mittagspause

14.00-15.30: Panel 3/ Politik
Moderation Joachim Umlauf (Goethe Institut Bukarest)

  • Marjorie Berthomier (Deutsch-Französische Hochschule, Saarbrücken): Chute du Mur, (ré)unification, Wende, friedliche Revolution ...: de quelques termes qui accompagnèrent les étapes d'un parcours européen.
  • Claire Demesmay (OFAJ - CMB): La présence française dans les Länder de l’Est : une Allemagne unifiée ?
  • Elsa Tulmets (CMB): Les relations franco-allemandes dans le contexte de réunification allemande et d'élargissement de l'UE vers l'Est.

15.30-15.45: Kaffeepause

15.45-17.15: Panel 4/ Geschichte und Erinnerung
Moderation Mechthild Gilzmer (Universität des Saarlandes)

  • Dominik Rigoll (Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung/Potsdam): Erfolgs- und Misserfolgsgeschichten. Die Historiografie der deutsch-französischen Beziehungen in den 1990er und 2000er Jahren.
  • Gilbert Casasus (Zentrum für Europastudien an der Universität Freiburg/Schweiz):  En mémoire à Michel Cullin : son engagement pour le travail de mémoire à la tête de l’OFAJ.
  • Maxim Leo (Autor, Berlin): Deutsch-französische (Familien)-Geschichten.

18.00-19.30: Podiumsdiskussion - Hommage für Michel Cullin
Moderation Joachim Umlauf (Goethe Institut Bukarest)

  • Gérard Gabert (ehemals DFJW)
  • Tobias Bütow (DFJW)
  • Magali Nieradka-Steiner (Universität Heidelberg)
  • Guilhem ZumBaum Tomasi (Hugenottenmuseum Berlin)

19.30: Umtrunk

Organisation: Mathias Delori (CMB), Mechthild Gilzmer (Universität des Saarlandes), Catherine Teissier (Aix-Marseille Université), Joachim Umlauf (Goethe-Institut Bukarest)

Partner: Centre Marc Bloch, Fonds Citoyen Franco-Allemand, Aix-Marseille Université, Goethe-Institut

Hybridformat der Veranstaltung – Bitte geben Sie bei der Anmeldung an, ob Sie online oder vor Ort an der Veranstaltung teilnehmen möchten. Aufgrund der aktuellen Gesundheitssituation ist die Anzahl der Teilnehmenden in den Räumlichkeiten des CMB begrenzt.

Anmeldepflicht zur Veranstaltung:anmeldung@cmb.hu-berlin.de

Ort

Salle Germaine Tillion
Centre Marc Bloch
Friedrichstrasse 191
10117 Berlin