Martin Herrnstadt | Assoziierter Forscher

Dynamiken und Erfahrungen der Globalisierung
Centre Marc Bloch, Friedrichstraße 191, D-10117 Berlin
E-Mail: mh.herrnstadt  ( at )  gmail.com Tel: +49(0) 30 / 20 93 70700

Mutterinstitut : Leibniz-Institut für Europäische Geschichte (IEG) Mainz | Fachbereich : Geschichte |

Biographie

Martin Herrnstadt ist Wissenschaftshistoriker mit einem Forschungsschwerpunkt auf der Geschichte der Wissenschaften vom Menschen in Europa von der frühen Neuzeit bis ins 19. Jahrhundert. Sein besonderes Interesse gilt dabei der Geschichte des wissenschaftlichen Materialismus und der Wissensgeschichte der Gouvernmentalität. Im Rahmen seiner Magisterarbeit hat sich Martin am Beispiel des Arztes La Mettrie der anthropologischen Wende der Wissenschaften in der Frühaufklärung und dem Konflikt zwischen Schulmedizin und Chirurgie zugewendet. In seiner Dissertation Menschenbeobachtung und Selbstverwaltung. Joseph-Marie de Gérando und das nachrevolutinäre Selbst 1799-1813 (vorr. 2020, Historische Wissensforschung, Mohr-Siebeck) stand die Debatte über die Schaffung des neuen Menschen am Übergang von 1. Republik zum Kaisereich im Mittelpunkt. Am Beispiel Gérandos, eines maßgeblichen Akteurs der postrevolutionären science de l'homme, stand hier die Beziehung zwischen Praktiken der Wissenschaft vom Menschen und der Transformation der post-revolutionären Verwaltung in Frankreich im Vordergrund. Sowohl im Fall der Debatten über das Menschenbild in der frühneuzeitlichen Medizin wie auch bei Aufbau und Transformation staatlicher und privater Verwaltungsstrukturen im napoleonischen Frankreich war die Frage leitend, wie bestimmte Praktiken und Konzepte der Beobachtung des Menschen zur Unterminierung oder Konsolidierung von politischer Herrschaft beitrugen.

Mit seinem Postdoc-Projekt Das Ringen um Selbstbeschreibung. Die Enquête als sozio-politisches Laboratorium in Frankreich und Algerien 1830-1864, setzt Martin an den sozialen und kolonialen Konflikten der Mitte des 19. Jahrhunderts an und wendet sich einer Wissensgeschichte der Sozialenquêten zu. Ziel ist es dabei, einer Geschichte der frühen Sozialforschung zuzuarbeiten, die weniger herrschaftszentriert ist und die die Frage nach dem Platz sozialer Bewegungen und der Rolle nicht-hegemonialer Akteure bei der Produktion des Wissens von der Gesellschaft in den Mittelpunkt rückt.

Forschungsthema

Forschungs- und Lehrschwerpunkte

 

Geschichte der Menschen- und Sozialwissenschaft (17.–19.Jh.);

 

Wissenschaftsge­schichte der Verwaltung (u.a. Statistik, Sozialenquêten) (17.–19. Jh.);

 

Geschichte der Französischen Revolution;

 

Methodologien der Wissenschaftsgeschichte (Schwerpunkt Historische Epistemologie);

 

Erkenntnis- & Wissenschaftstheorie;

 

Wissensgeschichte der sozialen/kolonialen Frage in Frankreich und Deutschland;

 

Geschichte des enzyklopädischen und allgemeinen Wissens

Das Ringen um Selbstbeschreibung: Die Enquête als sozio-politisches Laboratorium in Frankreich und Algerien 1830-1864

Am Gegenstand der frühen sozialen Enquêten in Frankreich und den französischen Kolonien in Nordafrika soll das Ringen um Wissens- und Gesellschaftsordnung in der Mitte des 19. Jahrhunderts in seiner verschränkten europäischen und kolonialen Dimension untersucht werden. Der Fokus liegt insbesondere auf den Jahre zwischen 1830 und 1864, die als „politisches Labor“ nicht nur des modernen franzö­sischen Natio­nalstaates verstand wird, sondern auch als ein entscheidender Moment in der Herausbildung der modernen Kolonialwissenschaften, wie auch der internationalen Arbeiterorganisation. Die sozialen Krisen der 1830er Jahre und die gleichzeitige koloniale Expansion warfen Fragen nach den Bedingungen des sozialen Zusammenhalts mit besonderem Nachdruck auf und waren begleitet von Ängsten einer „Barbarisierung“ der europäischen Gesellschaft. Vor diesem Hintergrund entstanden auf dem europäischen Festland wie auch den neuen kolonialen Gebieten Nordafrikas eine Vielzahl von Enquêten, i.e. Projekte der Gesellschafts- und Menschenbeobachtung, die die Grundlage genereller politisch-ökonomischer Reformen liefern sollten. Sie bilden den Gegenstand des vorliegenden Forschungsprojekts. Das Projekt setzt 1830 an, dem Moment, der für die sozialen Unruhen und Revolutionen, wie den Beginn der kolonialen Expansion Frankreichs in Nordafrika steht. Diese sozialen und kolonialen Kämpfe brachten eine gesteigerte Aufmerksamkeit für gesellschaftliche Unterschiede und Ungleichheiten mit sich, und führten zu einem bis dahin ungekannten Aufschwung von Projekten gesellschaftlicher Selbst-Beschreibung durch eine Vielzahl hegemonialer und nicht-hegemonialer Akteure. In der Forschung wird dieses Phänomen neuerdings als Entstehungsmoment einer „Kultur der En­quête“ im 19. Jahrhundert bezeichnet. Während sich der Blick der Forschung zumeist jedoch auf Quellen dominanter gesellschaftlicher Akteure beschränkt (Verwalter, Akademiker), tritt hier insbesondere das Ringen schwacher, devianter und nicht hegemonialer Akteure (Arbeitende, Frauen, lokale Projekte kolonialer Sozialreformer) um ein Wissen über ihre Situation in den Blick. Ziel des Forschungsprojekts ist es hierdurch eine Geschichte des Wissens von der Gesellschaft und der Entstehung der frühen Sozialwissenschaften zu liefern, die der Vielfalt der am Prozess der Wissensgenerierung beteiligten Gruppen sowie dem konfliktuellen Charakter dieses Wissens gerecht werden kann.

37 | 2020 Revue d'histoire des sciences humaines. "Nommer les savoirs"

30.September 2020

Guillaume Mouralis , Martin Herrnstadt , Léa Renard , Serge Reubi , Nikola Tietze

Artikel
Revue d'histoire des sciences humaines
Edition: Éditions de la Sorbonne
Collection: Revue d'histoire des sciences humaines
ISBN: 979-10-351-0593-8

Les noms des savoirs sont souvent des boîtes noires que l’on manipule avec ingénuité. Pourtant, qu’ils forgent de nouveaux intitulés pour leurs pratiques savantes ou reprennent des dénominations existantes, les savants eux-mêmes y prêtent une grande attention. Étudier la façon dont on nomme et regroupe les savoirs permet de travailler sur leur émergence, les conditions de leur succès, leurs resémantisations invisibles ou les controverses qui les ont traversés. La dénomination et l’agrégation des savoirs sont indissociables de partitions, de découpages et de distinctions. À travers l’analyse des différentes épithètes feuilletant la « géographie » dans la France des xixe-xxe siècles, on met par exemple au jour une histoire beaucoup moins unitaire que ne le voudraient les représentations autochtones. Souvent transnationaux, les cas étudiés témoignent des appropriations variées d’un même terme comme « enquête », « ethnopsychiatrie » ou le diptyque philologie/linguistique. Enfin, en s’arrêtant sur « behavioral sciences », « moral sciences », « Geisteswissenschaften » ou « sciences humaines » c’est l’objet même de la Revue d’histoire des sciences humaines qui se trouve interrogé.


Publikationen

Monographie

[vorr. 2020]: Menschenbeobachtung und Selbstverwaltung. Joseph-Marie de Gérando und das nachrevolutionäre Selbst 1799-1813. Tübingen: Mohr-Siebeck [Überarbeitete Fassung der Dissertation Frankfurt/Main 2017, Manuskript zur Begutachtung angenomen, Reihe Historische Wissensforschung].

Beiträge in Zeitschrfiten/ Sammelbänden (Auswahl)

[vorr. 2020]: Administrating the Empire of the Self: Joseph-Marie de Gérando (1772-1842) and the Post-Revolutionary Science of Man in France around 1800, in: Francia, Forschungen zur westeuropäischen Geschichte 47 (2020).

[vorr. 2020]: gemeinsam mit Laurens Schlicht: Kontingenz als Ordnung. Die Idéologie als Machtstrategie der Kontrolle und Organisierung von Menschen, 1795–1830, in: Bayertz/ Kompa/ Strobach (Hgg.): Das Projekt einer ‚Idéologie’. Destutt de Tracys und seine Ideenlehre. Hamburg: Felix Meiner.

(2019) gem. mit Laurens Schlicht: Epistemical and Political Things. An analytical framework for a historico-political epistemology, in: Braunstein, Jean-Francçois; Moya Diez, Ivan, Vagelli, Matteo (Hgg.), Etudes sur l’épistémologie historique Commencements et enjeux actuels. Paris: Presse de la Sorbonne 2019, S. 163-186.

(2019): Weak knowledge and the epic theatre of science: Introduction to the collected papers of the pre-conference workshop, in: Epple/ Imhausen/ Müller, Falk (Hgg.): Weak Know­ledge. Forms, Functions and Dynamics. (Schwächediskurse und Ressourcenregime Vol.4). Frankfurt am Main: Campus, S. 263-266.

(2019): The Weak-Science Paradigm and its challenges for a relational history of weak forms of knowledge, in: Epple/ Imhausen/ Müller (Hgg.): Weak Knowledge. Forms, Func­tions and Dynamics. (Schwächediskurse und Ressourcenregime Vol.4). Frankfurt am Main: Campus, S. 71-75.

(2016) gem. mit Laurens Schlicht: Language and History in the Context of the Société des Ob­servateurs de l'Homme (1799-1804), in: MacLeod, Miles; Sumillera, Rocío G.; Surman, Jan; Smirnova, Ekaterina (Hgg.), Language as a Scientific Tool. Shaping Scientific Language Across Time and National Tradition. New York-London: Routledge, 57–73.

(2014): Vom Geheimnis des Staates zum Staat als Geheimnis. Aspekte der Ge­schichte der Statistik in Frank­reich, in: Klinge, Sebastian, Schlicht, Laurens (Hg.), Geheim­nis_Wissen. Perspektiven auf das Wissen vom Geheimnis seit dem 18. Jahrhundert. Ber­lin: Trafo, 65–94.

Übersetzungen (Auswahl)

(vorr. 2020) D'Alembert, Jean le Rond, Versuch über die Elemente der Philosophie (1759) hrsg. von Moritz Epple, Dagmar Comtesse unter Mitarbeit von Celine Volders und Mar­tin Herrnstadt. Übersetzung der Kapitel 13–20 (u.a. “Grammaire”, “Mathé­matique”, “Méchanique”, “Physique Générale” etc.).