Dynamiken und Erfahrungen der Globalisierung

Verantwortlich : Leyla Dakhli , Antonios Kalatzis

Koorganisation : Petra Beck , Leyla Dakhli , Antonios Kalatzis , Léa Renard

Ziel des Forschungsschwerpunkts ist es, Phänomene des „Globalen“ in der Geschichte und Gegenwart zu identifizieren und untersuchen. Dabei gilt es sowohl die vielfältigen und komplexen Prozesse der globalen Vernetzung und Zirkulation zu betrachten als auch ihre Bedeutung als Maßstab von Erfahrungen und Begriffen zu hinterfragen, der Lebensformen, Theorien und epistemische Objekte beeinflusst.
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Der Forschungsschwerpunkt «Dynamiken und Erfahrungen der Globalisierung» beabsichtigt, die theoretischen und empirisch-praktischen Grundlagen unserer Sicht auf die weltweiten Vernetzungsprozesse kritisch zu hinterfragen, und auf dieser Grundlage einen kritischen Begriffsapparat zum Verständnis der „Globalisierung“ und ihrer Dynamiken aufzubauen. Die Forschungsachsen des Schwerpunkts unterscheiden sich in der Untersuchung der Auswirkungen der neuen Normativitäten auf Dynamiken (1) und Erfahrungen (2) globaler Verflechtungen in den Globalisierungsprozessen des 19. und 20. Jahrhunderts, während der Mittelmeerraum als fokalisierende Fallstudie (3) für diese Fragestellungen fungiert.

In der Auseinandersetzung mit unterschiedlichen theoretischen Ansätzen, nicht zuletzt aus dem Umfeld der „postcolonial studies“, entwickeln die ForscherInnen des Forschungsschwerpunkts eine gemeinsame theoretische und begriffliche Basis und experimentieren mit einer neuen Epistemologie, die es sich zur Aufgabe macht, gemeinsam die empirischen Forschungsfelder und ihren Artikulationen im Globalen nachzuvollziehen. Im Rahmen dieses Ansatzes, bei dem WissenschaftlerInnen aus den Geistes- und den Sozialwissenschaften (SoziologInnen, PhilosophInnen, AnthropologInnen, HistorikerInnen, LiteraturwissenschaftlerInnen, Rechts- und WirtschaftswissenschaftlerInnen usw.) zusammenarbeiten, sollen drei Reflexionsebenen miteinander verknüpft werden: Erstens das Nachdenken über die Möglichkeiten und Bedingungen des Verständnisses einer neuen Normativität als einer Kritik am Begriff des „Universalismus“, zweitens die  erkenntnistheoretischen Fragen, die mit den vielfältigen, mitunter widersprüchlichen Erfahrungen des Globalen zusammenhängen, und drittens die Analyse der tiefgreifenden Verwerfungen und Machtbeziehungen, die sich durch das europäische Kolonialsystem, den Imperialismus sowie die postkoloniale Neuordnung der Welt in den weltweiten Austauschprozessen ergeben

Es handelt sich insofern auf einer konzeptuellen Ebene um den Versuch herauszufinden, inwiefern sich das Streben nach Universalität von dem Ballast befreien lässt, den es an seine „Europäität“ und deren historische Prägung durch Imperialismus und Kolonialismus bindet.

Auf einer eher empirisch-analytischen Ebene soll daneben nachvollzogen werden soll, wie weit sich Vorstellungswelten und Erfahrungen unter dem Einfluss der Globalisierungsprozesse veränderten. Die neuen Normativitäten, die sich dabei ergeben können, werden damit aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet: theoretisch im epistemologischen, methodologischen und philosophischen Sinn und praktisch in ihren politischen, rechtlichen, historischen, ästhetischen und insbesondere in ihren wirtschaftlichen Dimensionen.

Die unterschiedlichen Ansätze helfen insbesondere, einen neuen Blick auf den Mittelmeerraum zu werfen, der gewissermassen als Kaleidoskop die aufgeworfenen Fragen bündelt und aus den tief verankerten stereotypen Vorstellungswelten und Bildern gerissen werden soll.

1/ Neue Normativitäten, Weltwissen und Dynamiken des Globalen

Der erste Ansatz befasst sich mit der Frage einer neuen Normativität aus theoretischer Perspektive, und umfasst epistemologische, methodologische und philosophische Fragen.

Die wissenschaftliche Aneignung der Welt wurde seit der Aufklärung in Richtung eines Weltwissens betrieben, das in verschiedenen enzyklopädischen Projekten zusammengetragen wurde, und parallel einherging mit der Inbesitznahme der Natur und eines Großteils der Welt durch die Entwicklung von Industrialisierung und Kapitalismus. Die enge Verwandtschaft dieser beiden Aspekte ist unstrittig und darf heute nicht wieder in Frage gestellt werden, wenn über „Weltwissen“ in der Gegenwart systematisch reflektiert wird.

Diese Kritik am Universalanspruch einer europäischen Normativität, zusammen mit der Kritik an dem diesbezüglich herrschenden Wissenschaftsparadigma bestimmt das erkenntnistheoretische Forschungsfeld.

Jenseits dieser Kritik an den impliziten Voraussetzungen und unhinterfragten Mythen, die unserem Wissen und unseren Wissenspraktiken zugrunde liegen, will der Forschungsschwerpunkt nicht nur die Grundannahmen dieser Wissenspraktiken besser verstehen, sondern über dieses Verständnis hinaus, über Umstrukturierungen nachdenken, die diese Wissensproduktion beeinflussen können, und die notwendig wären, um sie entsprechend neu zu orientieren und zu vertiefen.

2/ Praktiken und Erfahrungen des Globalen

Der zweite Ansatz des Forschungsschwerpunkts widmet sich der Analyse individueller und kollektiver Praktiken und Vorstellungswelten in der Globalisierung, in dem sehr konkreten und materiellen Sinn der Verkörperung von Erfahrung von sozialen Akteuren und Kollektiven. Diese Erfahrungen manifestieren sich unter anderem in einem praktischen Wissen über und in der Welt, aber auch in spezifischen Deutungs- und Denkmustern, welche die Globalisierungsprozesse begleiten, diese auch prospektiv denken und vorantreiben können. In diesem zweiten Schwerpunkt geht es damit um Untersuchungen zur Sprachlichkeit, Narration und Repräsentation des Globalen durch Akteure und ihre Praktiken, welche die sozialen, politischen, rechtlichen, wirtschaftlichen, Globalisierungsprozesse in Geschichte und Gegenwart charakterisierten und charakterisieren.

Forschungsvorhaben hier behandeln unter anderem die verschiedenen Facetten des empirischen Begriffs und der konkreten Wirklichkeit der/s Weltbürgerin/s und von Global Citizenship im Kontext politischer und kultureller Erfahrungen im globalen Süden und an Orten, die nicht zum Zentrum der sogenannten „Globalisierungsprozesse“ gehören. Untersucht werden daneben die Vorstellungswelten und Erfahrungen, die im Verlauf des 20. Jahrhunderts und zu Beginn des 21. Jahrhunderts die Veränderungen der globalen Wirtschafts-, Finanz- und Rechtsordnung im Kontext von Entkolonialisierung und der dynamischen Ausweitung der Weltwirtschaft begleiteten.

3/ Das Mittelmeer als Fallstudie

Der Mittelmeerraum ist im Rahmen dieses Schwerpunkts ein lohnendes und bei weitem noch nicht hinreichend erforschtes Terrain für eine Untersuchung dessen, was wir unter »Global« verstehen.  Diesem Gebiet wird von den »Global Studies« keine zentrale Bedeutung beigemessen, als ein Ort, der zu den Zirkulationsvorgängen und der globalen Intensivierung allerlei Austäusche in nur indirektem Bezug steht. Nichtsdestotrotz erscheint das Mittelmeer bei näherer Betrachtung als ein Kondensationspunkt einer Reihe von Krisenerfahrungen und Phänomenen, die wiederum direkt auf diese Globalisierungsvorgänge bezogen sind und als ein Ort eines quasi organischen und facettenreichen Austausches mit Europa. Weit davon entfernt, festgeschriebene und nicht greifbare Identitäten auf den Mittelmeerraum projizieren zu wollen, oder gar mit dem Thema ähnlich wie die “Mediterranean Studies” umzugehen, wovon sich der Forschungsschwerpunkt kritisch distanzieren möchte, handelt es sich hierbei eigentlich um die Idee, die Bedeutung dieses Raums, welcher im Zentrum der “alten Welt” lag, als Forschungsgebiet für eine Reihe von (post-) globalen Phänomenen und Vorgängen zum ersten Mal systematisch zu erschließen.


An-Institut

© Centre Marc Bloch 2018 - Deutsch-Französisches Forschungszentrum für Sozialwissenschaften, Berlin

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